Nachrichtentechnik fürs Hamsterrad

31. August 2006, 19:19
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Verspielte Illustrations-Techniken und Selbstbeschäftigungs-Programme: Cyberarts 2006 im Offenen Kulturhaus

Ehe noch am Freitagabend die diesjährige Ars Electronica mit einem ergometergespeisten Mond über dem Linzer Hauptplatz aufgeht, zeigt Cyberarts 2006 im Offenen Kulturhaus verspielte Illustrationstechniken und Selbstbeschäftigungsprogramme.


Linz - Auch wenn die seit nun auch schon wieder 20 Jahren verteilten Preise der Ars Electronica nie mit dem jeweiligen Jahresmotto des Festivals verlinkt sind - bei Cyberarts 2006, der Prix Ars Electronica Exhibition im Linzer Offenen Kulturhaus (OK), passt so einiges zum Jahresthema "Simplicity" - auch wenn die Wege, die beschritten werden, um zu den "einfachen" Ergebnissen zu kommen, durchwegs überaus steinig bis verstiegen erscheinen; im Vergleich zum transportierten Inhalt oft gewagt verstiegen und komplex.

Egal, gerade beim Basteln liegt der Reiz ja am Weg verborgen, zudem kann es recht launig sein, simple Sachverhalte und winzige Erkenntnishüpfer möglichst umständlich zu illustrieren. Manchmal entsteht so ein wenig milde Ironie, manchmal auch sind gewagte Brückenschläge zwischen High- und Low-Tech schlicht amüsant, kann heilsamer Unsinn entstehen.

Wiederholung ist in dieser Kategorie seit jeher ein probates Mittel. Raffaello D'Andrea, Max Dean und Matt Donovan haben, so legt die Fantasie nahe, ihre jeweiligen Erfahrungen im Steuern von Automaten, im Bau kinetischer oder gar "unmöglicher" Objekte bei viel Dosenbier in einer Hinterhofwerkstatt synchronisiert. Dabei herausgekommen ist Robotik Chair, ein schlichter Holzstuhl, der nicht bloß in seine Einzelteile zerfällt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu rekonstruieren. Doch ist das eingebaute Talent nicht dem freien Stuhlwillen unterworfen, sondern folgt einem Zyklus: Beine verlieren, Lehne anbauen. Und dann muss die ohnehin lebenslänglich belastete Sitzfläche langwierig im Raum herumirren, mühselig an jedes Einzelteil andocken, um sich dann in einem Gewaltakt selbsttätig aufzustemmen.

Der Goldfisch ist Chef

Ähnlich zyklische Abläufe beobachtete die Techart Group in unseren teilautomatisierten Büros. Warum also nicht gleich voll automatisieren, warum nicht gleich auch den Chef ersetzen? In ihrem Fall durch einen Goldfisch im Aquarium. Ein Tracking-System sorgt dafür, dass sein sehr realistisch bedürfnisgesteuertes Verhalten erfasst und in Buchstaben übersetzt wird. Und dann geht's los: Computer springen an, Drucker rasseln los, Verbindungen werden aufgenommen; bis ein Produkt entsteht, dessen Fruchtgewinn der Cheffisch prompt als Futter einstreift.

Er schwänzelt dann vor Freude, was wohl gemeinsam mit der Peristaltik sofort wieder Bewegung und also Produktion ergibt. So funktioniert Kapitalwirtschaft, so gibt es immer was zu tun. Office Live funktioniert als "Sinnbild", kommt aber seinem Vorbild, Peter Fischlis und David Weiss' nachgerade klassischer Installation Der Lauf der Dinge nicht annähernd nahe. Die war wirklich "simpel", deren anarchisch brachiale Offenlegung war bedeutend betreffender, als die aktuelle, teilmechanische Verknüpfung von Rechnern und Laufwerken.

Ein historisches Vorbild interpretiert auch Paul DeMarinis: Er greift auf den katalanischen Wissenschafter Francesco Salvà i Campillo zurück, einen Pionier der Entwicklung elektronischer Telegraphen: Salvà i Campillo begann schon 1780 mit dem Bau von Prototypen für bizarre Kommunikationsgeräte. So nutzte er etwa Froschschenkel, die, gespeist von Leydenflaschen, simple Information empfangen und zuckend wiedergeben konnten. Paul DeMarinis entwickelte ähnlich bizarre Low-Tech-Apparate, um Information zu empfangen und darzustellen: Metalllettern wechseln in Elektrolytlösungen ihre Farbe, Handwaschbecken buchstabieren Meldungen, Plastikskelette mit beschrifteten Ponchos buchstabieren tanzend DeMarinis E-Mails.

Und Stadtindianern seien die preisgekrönten leuchtdiodenbesetzten und selbsthaftenden Wurfgeschoße empfohlen, die das Graffiti Reasearch Lab nebst anderen avancierten Geräten entwickelt hat. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2006)

  • Paul DeMarinis entwickelte biologisch gestützte Empfangsapparate für die Information der Zukunft.
    foto: ars electronica

    Paul DeMarinis entwickelte biologisch gestützte Empfangsapparate für die Information der Zukunft.

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