Nur die Ruhe, Natascha

24. September 2006, 10:56
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Was noch fehlt - Eine Trittbrettfahrt - Von Karl Weidinger

Der Grat ist schmal, der Platz ist eng. Aber nun rollt die Welle, bis sie bricht. Oder durch ein anderes Ereignis gebrochen wird. In der Tat kann sich diesem Thema niemand entziehen. Und Satire, sagte schon Kurt Tucholsky, dürfe alles. Auch zu weit gehen. Wie die Expertisen, die uns - der staunenden Öffentlichkeit - tagtäglich via Medien (das ist ihre Aufgabe: Mittler) übergeben werden, und die sollen sogar ernst gemeint sein. Aber bei dem "Overkill" (ein Terminus aus der Bericht-Bestattung) sind bereits alle guten Grenzen des gesunden Anstandes in Sichtweite unter den übers Thema trampelnden Füßen.

Demnächst wird ein Experte - was sonst? - aus einer Fahrschule ein öffentliches Gutachten ab- und vorlegen, dass es für das Fräulein, das so lange von der Bildfläche verschwunden war, ohne Weiteres möglich wäre, den KFZ-Führerschein der Klasse B zu machen (A und C vielleicht eher nicht gleich auf Anhieb, aber sobald die Therapie gute Fortschritte zeitigt - und das wird sie, wie alle Expertinnen und Experten unisono im Tagesintervall versichern).

Und wo ist die Zeitung, die der jungen "hochintelligenten Frau" (alle Fachfrauen und Fachmänner sind sich in diesem Punkt seltsam einig) eine Kolumne anbietet. "Mit Nataschas Worten!" Aber der Vorabdruck wird kommen, spätestens mit dem Buchauftrag, und dieses Werk wird auch erscheinen wie das Ja und Amen zu jedem Fitzelchen Bericht, das dieses heikle Thema abdeckt.

Die bewährten Teams des Bildungsministeriums bzw. des Stadtschulrates für Wien haben die Probleme von Tausenden Pflichtschulabsolventen, die lediglich im Sekundär-Analphabetismus firm sind, beiseite geschoben, um sich dem Thema Nr. 1 zu widmen: Ein Bildungsplan, der die Defizite aufholt und einen "Formalabschluss" gewährleisten soll. (Da ist es nicht mehr weit, bis der 2. Bildungsweg einen Sponsorvertrag für Fernlehrgänge anbieten wird)

Wahl-Kandidatur?

Das teilweise schon gelockerte Werbeverbot muss jetzt endlich ganz fallen, damit es bald ein Testimonial geben kann: "Von den erfolgreichen Therapeuten von Natascha empfohlen!") Und die bange Öffentlichkeit fragt sich bereits, wo ist das Unternehmen des Exilösterreichers Frank St., das schon so vielen gestrauchelten Opfern im Überlebenssturm einen adäquaten Job offerieren konnte?

Bald wird es natürlich auch Charity-Galas geben. Preisschnapsen, Modeschauen, Benefizkonzerte, was auch immer. Nach Abzug der Spesen kann dann ein ungültiges, aber medienwirksam überdimensioniertes Display, von einschlägig spezialisierten Grafikern angefertigt, in die Kamera gehalten werden. Der großdimensionierte Pappkarton soll eine Zahlungsüberweisung symbolisieren

Und nach US-amerikanischem Vorbild wäre es vielleicht auch an der Zeit, Patente zu vergeben: Immerhin ist Nataschas Vater Bäcker. Was läge also näher als etwa ein "Natascha-Brot" oder "Kampusch-Weckerln".

Bleibt nur noch die letzte Frage aller Fragen: Warum kann Natascha nicht für eine wahlwerbende Partei kandidieren? Mit diesem Cou wäre die absolute Mehrheit bei der Nationalratswahl am 1. Oktober sicher. Natürlich unter vollster Wahrung ihrer Anonymität und unter strikter Beibehaltung der von ihr eingeforderten Ruhe-Ruhe-Ruhe vor den Medien. (Karl Weidinger, DER STANDARD - Printausgabe, 1. September 2006)

Zur Person
Karl Weidinger ist Übersetzer und Schriftsteller in Wien.
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