Comeback garantiert: Politiker in Frankreich leben länger

16. Oktober 2006, 17:30
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Gleich zwei französische Spitzenpolitiker ein Comeback: Ex-Premier Juppé auf der Rechten, und Ex-Premier Jospin auf der Linken - Ihr Vorgehen ist gleich - nämlich gleich fragwürdig

"Ich ziehe die Konsequenzen, indem ich mich aus der Politik verabschiede." Mit diesem Satz hatte der sozialistische Präsidentschaftskandidat Lionel Jospin am 21. April 2002 sein klägliches Wahlresultat noch hinter dem Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen quittiert. Seither meldete er sich in der Öffentlichkeit nur noch ganz selten zu Wort. Man spürte zwar, wie sehr es ihn wurmte, jene kategorischen Worte von sich gegeben zu haben; doch für den protestantischen Moralisten ist nun einmal ein Wort ein Wort.

Besser gesagt war: Bei der jüngsten Parteitagung meinte der 69-jährige Sozialist am vergangenen Sonntag unumwunden, er sei "verfügbar", falls ihn die Partei als Präsidentschaftskandidaten wolle. Die Franzosen sind nicht einmal überrascht; in einer jüngsten Umfrage ist der Ex-Premier (1997-2002) gleich wieder auf den zweiten Rang hinter der aktuellen Linksfavoritin Ségolène Royal aufgerückt.

Den gleichen Drang wie Jospin verspürt sein Alter Ego auf der Rechten, Alain Juppé. Der 61-jährige Gaullist genoss als Politiker einen ebenso integren Ruf und endet ebenso unglücklich; wegen illegaler Parteifinanzierung erhielt er vor knapp zwei Jahren ein Jahr Gefängnis bedingt und 14 Monaten Unwählbarkeit. Dabei hielt der ehemalige Premier (1995-1997) eigentlich nur den Kopf für seinen früheren Mentor Jacques Chirac hin.

Zum Dank sorgte der Staatschef nun dafür, dass Juppé gleich wieder der rote Teppich ausgerollt wird, nachdem er aus dem kanadischen Exil zurückgekehrt ist. Zunächst soll Juppé wieder Bürgermeister von Bordeaux werden. Auf einen Staatsstreich verzichten Chiraquisten geflissentlich; vielmehr gaben sie Weisung an ihre UMP-Abgeordneten heraus, kollektiv ihren Rücktritt einzureichen, um damit Neuwahlen auszulösen.

Diese Woche ist nun die Stadtregierung folgsam zurückgetreten; und niemand zweifelt daran, dass Juppé bei den "Nachwahlen" im Oktober wie zuvor schon Bürgermeister wird. Im nächsten Jahr nimmt er dann wieder Kurs auf Paris: Dort will er 2007 für einen Sitz in der Nationalversammlung kandidieren.

Bananenrepublik

Die lokale Opposition spricht zwar von "Bananenrepublik", doch außerhalb der Stadt stört sich kaum jemand daran, dass eine Wahl zugunsten eines einzigen Politikers organisiert wird. Nur einzelne zeigen die negativen Folgen auf. "Politisch gesprochen, ist in Frankreich ein Politiker niemals tot", meint etwa der Editorialist Jean-Michel Helvig, der die mangelnde Erneuerung des politischen Lebens für die Reformunfähigkeit des ganzen Landes verantwortlich macht. In Frankreich können 75- bis 80-jährige wie Chirac oder Valéry Giscard d'Estaing auf fast ein halbes Jahrhundert Politkarriere zurückblicken. Das gilt nicht nur für die etablierten Parteien.

Le Pen (78) wurde 1956 erstmals in die Nationalversammlung gewählt, und die Linksextremistin Arlette Laguiller kandidiert seit 1974 regelmäßig bei Präsidentschaftswahlen. Selbst die vermeintliche Newcomerin Ségolène Royal betreibt in Paris seit über zwanzig Jahren Politik.

Alle haben sie nur das eine Ziel: den Elysée-Palast. Wie Ex-Staatschef François Mitterrand einmal meinte, braucht es mindestens ein Vierteljahrhundert, um die höchste Pyramidestufe der französischen Politik zu erklimmen. Bis dahin ist viel Ausdauer und Geduld erforderlich; nur ganz wenige schaffen es auch wirklich. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2006)

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    Hallo, hier bin ich wieder: Alain Juppé (hier auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2004, aus dem Auto aussteigend) drängt es mit Macht auf die Vorderbühne der französischen Politik zurück.

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