Atypische Freiheit

31. August 2006, 11:20
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Expertinnen diskutierten mit Jugendvertretern über prekäre Jobs, flexible Berufseinsteiger und lebenslanges Einkommen für alle

"Prekär, das bedeutet unsicher, eine heikle Situation, in der man sich unfreiwillig befindet", bringt Edith Kugi von der Arbeiterkammer die Situation vieler Jugendlicher mit einem Zitat aus dem Duden auf den Punkt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind laut einer Statistik der AK in den letzten Jahren stark gestiegen, 2005 war über eine Million Erwerbstätige davon betroffen, also ein knappes Drittel aller Erwerbstätigen.

Teilzeitjobberinnen

Zu den prekären Arbeitsverhältnissen zählt Kugi, die Leiterin des Lehrlings- und Jugendschutzes, neben geringfügiger Beschäftigung und freien Dienstverträgen auch die Teilzeitarbeit. "Teilzeitjobs werden oft angenommen, weil man keinen Vollzeitjob findet. Und prekär wird die Situation dann, wenn das Einkommen die Lebenshaltungskosten nicht mehr deckt", begründet Kugi ihre Definition. Von 2000 auf 2005 ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten um 43 Prozent auf 751.000 gestiegen, Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren sind überproportional in diesem Beschäftigungsverhältnis zu finden. Viele junge Erwachsene müssten Teilzeitjobs auch deshalb annehmen, weil sie noch nicht fertig mit ihrer Ausbildung sind.

Die Situation, der Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sind, hat großen Einfluss auf die Lebensplanung. "Statistiken zeigen, dass viele erst kurz vor ihrem 30. Lebensjahr in einem sicheren Arbeitsverhältnis stehen", so Kugi. Für Familien heiße dies, dass sie ihre Kinder länger finanziell unterstützen müssen, und junge Erwachsene erst spät unabhängig werden.

Billige Arbeit statt sozialer Sicherheit

"Existenzsicherung ist ein Menschenrecht. Geringfügig Beschäftigte können sich mit 300 Euro im Monat aber unmöglich ihr Leben sichern", betont die AK-Expertin. Das Problem lege darin, "dass Wirtschaft und Politik suggerieren, dass Arbeit billig sein muss." Man erwarte von den Jungen, dass sie flexibel sind, faire Bezahlung bekommen sie für diese Umstände aber nicht.

Aus der Praxis kenne die Beraterin viele Jugendliche, die nahezu eine Kunst daraus entwickelt haben, "von einem Job in den nächsten zu springen, kurzfristige Jobs und Praktika anzunehmen und sich dadurch über Wasser halten können." Berufseinsteiger wüssten bereits, was sie am Arbeitsmarkt erwartet und stellen sich auch darauf ein.

Prekäre Freiheit

Viele versuchen aus der Situation das Beste zu machen. "Ich habe genug junge Erwachsene getroffen, die diese atypischen Arbeitsverhältnisse als Freiheit empfinden", berichtet Margit Appel vom Netzwerk Grundeinkommen. Freiheit deshalb, weil sie jederzeit die Möglichkeit hätten, andere Wege einzuschlagen.

Dass junge Erwachsene angesichts der angespannten Situation nicht gerecht entlohnt werden, kritisiert auch Appel stark: "Politiker diskutieren über Ausbildung, Arbeitsplätze, aber nie über soziale Sicherheit." Man setze bewusst auf atypische Verhältnisse, die zwar Arbeitsplätze schaffen, aber auf langer Sicht für die Betroffenen untragbar sind. Das Netzwerk Grundeinkommen kämpft deshalb für die Einführung eines "lebenslangem, individuellen bedingungslosen Grundeinkommens."

Einkommen für alle

"Vorstellbar ist ein Grundeinkommen von 900 Euro für Erwachsene", so Appel über ihre Pläne. Auch Kinder sollten ein Grundeinkommen erhalten, "ab der Geburt schon, natürlich ein geringerer Betrag." Das dies das gesamte System auf den Kopf stellen würde, ist ihr bewusst: "Sicher würden dann Beihilfen und soziale Leistungen wegfallen", meint Appelt. Auf die Befürchtung Kugis, das dann niemand mehr arbeiten gehen wolle, kontert sie: "Der Arbeitsmarkt müsse sich dann umstrukturieren - das heißt attraktivere Jobs und bessere Bezahlung."

Laut Appel gibt es zwar weltweit Institutionen, die sich für die Einführung eines Grundeinkommens einsetzen, durchgesetzt konnte das Vorhaben aber bisher in keinem Land werden: "Das Problem liegt darin, dass wir an alten Strukturen hängen, Systeme, die weder die Politik noch die Wirtschaft aufgeben wollen." Ihr sei klar, dass für viele ein bedingungsloses Grundeinkommen zwar utopisch klingt, appelliert aber: "Es ist zumindest ein Ansatz, um die jetzige Situation schrittweise zu verbessern." (Elisabeth Oberndorfer)

  • "Die Arbeitsmarktsituation ist für junge Menschen unzumutbar", betont Edith Kugi von der Arbeiterkammer.
    foto: ak

    "Die Arbeitsmarktsituation ist für junge Menschen unzumutbar", betont Edith Kugi von der Arbeiterkammer.

  • Margit Appel will mit bedingungslosem Grundeinkommen die soziale Sicherheit garantieren.
    foto: bjv/reiter

    Margit Appel will mit bedingungslosem Grundeinkommen die soziale Sicherheit garantieren.

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    Sich dem Arbeitsmarkt anzupassen entwickelt sich immer mehr zum Balanceakt.

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