Petros Markaris: "Nachtfalter"

31. August 2006, 17:08
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Liebe geht in den Magen in einem Athen, das an einen bewegten Ehealltag erinnert

Der Privatdetektiv ist ein einsamer Jäger. Affären und One-Night- Stands - dabei muss es bleiben. Dann ist es Zeit, sich wieder in die Junggesellenbude zurückzuziehen, in der Bücher, das Schachbrett und einige Flaschen mit Hochprozentigem warten. Der Kommissar dagegen tendiert zur Monogamie. Monsieur Maigret hat seine devote Madame, Signor Brunetti seine Signora. Sie ist nicht nur Mutter zweier Kinder, sondern auch selbstbewusste Universitätsdozentin.

Und der Kommissar Kostas Charitos, der in Athen ermittelt? Er ist mit der energischen Adriani verheiratet, die ihm mit dem ständigen, misstrauischen Achten auf seine Gesundheit gehörig auf die Nerven geht: "In den ersten Ehejahren legte sie ihr Ohr lauschend an mein Herz, während ich schlief, oder sie hielt ihr Gesicht dicht an meinen offenen Mund um sicherzugehen, dass ich noch atmete. Anfänglich fühlte ich mich von ihren Ängsten geschmeichelt, wenn sie etwa meine behaarte Brust streichelte oder mir gefüllte Tomaten, meine Lieblingsspeise, vorsetzte. Nach fünf Jahren begann mir das Streicheln ein unwiderstehliches Kitzeln zu verursachen, nach zehn Jahren rief ihr Kopf auf meiner Brust ein Gefühl der Bedrückung hervor, und nach fünfzehn Jahren begannen mir die gefüllten Tomaten schwer im Magen zu liegen."

Als bei Kostas, der nicht weit von der Pensionierung entfernt ist, eine Durchblutungsschwäche diagnostiziert wird, kann Adriani triumphieren und alle Hemmungen, die ihrer Fürsorglichkeit noch anhafteten, fallen lassen. Kein Wunder, dass der Kommissar nun jeden Aufbruch in sein Büro als einen "Ausgang" empfindet. Unglücklich ist er mit seiner Angetrauten aber natürlich nicht; jedes Gezänk mündet in eine Versöhnung, und die zwei werden miteinander alt werden wie Philemon und Baucis. Ebenso bissig wie der Ehealltag wird in "Nachtfalter" auch das gegenwärtige Athen geschildert. Ein Streik der Müllfahrer lässt den Unrat zu kleinen stinkenden Hügeln anwachsen; in den ewigen Staus kann das Zurücklegen einer kurzen Strecke anderthalb Stunden bei schwerem Smog dauern; touristische Klischees werden zerstört.

Und die Crime-Story? Ja, auch sie gibt es. Ein anonymer Toter wird nach einem Erdrutsch auf einer Insel entdeckt, wenig später wird der zwielichtige Athener Geschäftsmann Dinos Koustas vor einem seiner Nachtclubs erschossen - zwei Fälle, die in Wahrheit einer sind. Es geht um Geldwäsche in großem Stil, um korrupte Politiker und um familiäre Konflikte von fast antikem Ausmaß. Am Ende wirft Kostas sich, um das Leben einer schönen Frau zu retten, in die Bahn einer Kugel, und mitten im Satz bricht alles ab. Aber keine Angst - die Tage des dicken Kommissars sind noch nicht gezählt; in zwei weiteren Büchern, die Markaris seitdem geschrieben hat, ist er wieder unermüdlich unterwegs. (Christoph Haas / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2006)

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