"Die Millionen eines Gehetzten"

31. August 2006, 17:38
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Einsame Kinder wie Melville spielen als Erwachsene noch mit den Figuren ihrer Thriller wie Kinder mit Zinnsoldaten

"Ich heiße Michel Modet. Also: Fangen wir an", beginnt Belmondo als Erzähler den Film - und heuert nach dem letzten verlorenen Kampf seiner kurzen Boxerkarriere als "Privatsekretär" bei dem Bankier Ferchaux (Charles Vanel) an. Der alte Mann muss wegen alter Kolonialsünden und betrügerischen Bankrotts Frankreich sofort in Richtung USA verlassen. Kein wirklicher Thriller ist dieser Stoff, obwohl von Simenon, einer seiner psychologischen Romane.

Alles in diesem Film hat zwei Gesichter. Der "Ältere der Ferchaux" präsentiert sich schamlos als Schwein wie es im Buche steht. Er teilt die Menschen in "Schakale, Leoparden und Schafe" ein und behauptet von sich selbst: "Ich bin sehr stark." Aber Belmondo wird auf der langen Flucht an seiner Seite immer härter. Die Charaktere der beiden Männer spiegeln sich labyrinthisch ineinander bis zum Ende in den Sümpfen Louisianas. Sanft, majestätisch, geradezu aufreizend gelassen fließt der Film dahin. Georges Delerue schrieb dazu eine faszinierende Musik aus der Neuen Welt. Wer die Landmassen in der Mitte und im Süden Frankreichs kennt, versteht vielleicht, wie Melville auf die kostensparende Idee kommen konnte, die Highways der USA vor der eigenen Haustür zu suchen: in den Cevennen und am Rande der Provence. Es wird einem in diesem Film klar, dass Frankreich riesig ist wie ein kleiner Kontinent.

Nur ein paar Autoausblicke drehten Melville und sein Kameramann Henri Decae in New York, St. Louis und auf den endlosen Straßen der Südstaaten. Einsame Kinder wie Melville spielen als Erwachsene noch mit den Figuren ihrer Thriller wie Kinder mit Zinnsoldaten. Melville hat Paris als Spielplatz in seinen Gangsterfilmen neu erfunden. Ihre emotionale Oberflächenkälte verlängert ihr Haltbarkeitsdatum ins Unendliche. Wer Einsamkeit nicht erträgt, hat keinen Platz im Melville'schen Universum - im Gegenteil. Die Memmen, die "Schafe", die nach Liebe und Wärme blöken, sind die Verlierer, sie haben es auch eigentlich gar nicht besser verdient. Die "Leoparden und Schakale" reißen die Welt als Beute. Aber Leute wie Modet haben am Ende doch noch einen letzten Ausweg, um zumindest vor sich selbst zu bestehen: ihre Ehre.

Und so handelt Belmondo. Malvina Silberberg gab in diesem Film ihr Debüt - wunderschön und mit einem leicht enttäuschten Zug um den Mund. Sie wird von "Bebel" nach dreißig Minuten böse verlassen; und wurde danach nie mehr gesehen, nicht im Film, nicht im Leben. Sogar Melville wusste nicht, wo sie geblieben war. "Malvina". Sie ist eine der Anführerinnen jener imaginären Parade aller verschwundenen und leider vergessenen Feengeschöpfe der Filmgeschichte. (Dominik Graf / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2006)

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