Prada und der große Knopf

24. November 2006, 14:59
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Im Herbst bringt Miuccia Prada ihren ersten Herrenduft auf den Markt - Der Beautypresse wurde er schon im Juni in Mailand präsentiert - Thomas Rottenberg war dabei

Der Muskel kam ein bisserl zu spät. Und dass er ein Muskel war, war nicht wirklich zu erkennen - schließlich trug er einen Anzug, der mehr kostete, als er wohl im Monat verdiente. Außerdem war er multilingual höflich: Man möge die Fläschchen, bitte, zurückstellen - der Veranstalter habe den Punkt "Riechen" erst später eingeplant.

Nur: Es war zu spät. Denn der Redakteur vom GQ> hatte längst auf den silbernen Knopf gedrückt - und der Präsentationsraum in der Mailänder Via Monte Napoleone roch bereits (zu früh) so, wie Miuccia Prada ab Herbst Männer beduftet wissen will: Es war Ende Juni. Fashion Week - und weil das ganz gut passte, hatte das Parfum-Department der Nobelschneiderei eine Hand voll Journalisten nach Mailand geflogen, um den ersten Herrenduft des Hauses zu präsentieren.

Wobei "eine Hand voll" untertrieben ist: Etwa 400 "Beauties" (so heißen Kosmetikredakteure im Binnensprech der Branche) waren eingeflogen worden. Und einen Tag vor der - in kleineren sprachlich homogenen Gruppen abgehaltenen - Duftpräsentation mussten Pradas Männer darstellende Knaben die eine Stunde zuvor der Modewelt präsentierte Herrenkollektion ein zweites Mal vorführen. Als Geste. Und für den Fall, dass irgendjemandem Philosophie, Linie und der Geist des Hauses nicht klar sein sollte: klar und cool, hochwertig, luxuriös-schlicht, zeitlos - und doch ganz vorn.

Der Duft selbst sollte zum Schluss kommen. Aber als dann die Flacons im dritten Stock des Prada-Shops im Regal standen, tat der Mann vom GQ das Naheliegende: Er drückte auf den Knopf. Es machte "Pfft" - und nachdem die weiblichen "Beauties" an den männlichen geschnüffelt hatten und zufrieden grinsten, sagte der Mann vom GQ: "Cool."

Dann kam der Muskel - und stellte sich vor das Regal. Und obwohl das verständlich war, passte das gar nicht ins Bild - auch weil der Muskel doppelt so breit war wie Eddie Lint. Und der gehört eigentlich neben den Flacon: Eddie Lindt ist das Model, das Steven Meisel auf Inseraten und Plakaten neben Miuccias Herrenduft stellt.

Sehen vor dem Riechen

Vor dem Riechen hatte Prada und ihre Duft-Kreateurin Daniela Andrier geplant, sollte Sehen stehen. Schon das würde den "Will haben"-Reflex auslösen. Und zwar nicht durch überkandidelte - Prada-unlike - Designfirlefanzen, sondern über den Prada-Zugang. Klassisch-zeitlos - aber doch innovativ, cool. Und anders. Plus: männlich - denn auf das Marktsegment "Mann" kann und darf heute kein Label mehr verzichten - gerade wenn es sich kontemporär und traditionsbewusst platzieren will: Und weil Mario Prada 1913 doch - so die Konzernhistoriker - einen Laden "für den nonkonformistischen Gentleman" gründete, gebieten nicht nur Zeitgeist und Marktpotenzial, sondern auch dieses Vermächtnis, dem 2000 lancierten Prada Damenduft ein männliches Pendant nachzureichen.

Nur: Wie geht das? Männlich, innovativ und doch mehr als einfach nur das nächste Herrenduftwässerchen? Indem man auf die Packung ein Stoffetikett klebt und den Verschluss neben die Mitte setzt? Nett - aber geschenkt. Und so überlegte man, was das untuntig-männliche Pendant zum fragil-femininen Zerstäuber-Ballon wäre: Männer sind verspielt, wollen aber das Gefühl haben, Hightech-Gerät zu bedienen: Experten an gestylter Funktionalität. Schwupp, aus dem Ballönchen wurde ein silberner, seitlich abstehender Knopf. In Mailand funktionierte das: Der "Will haben"-Reflex ließ die Männer vor den Damen hingreifen. Obwohl im echten Leben (Herren-)Duftauswahl und Kauf (noch) primär Frauensache ist.

Der Duft? "Cool", sagte der Mann vom GQ. "Wow", sagten die "Beauties". Und "frisch, nicht zu schwülstig, nicht zu flüchtig - das mögen wir". Dann war - endlich - Daniela Andrier dran. Und erläuterte Idee ("Zuerst eine Reminiszenz an die Frische und Reinheit beim Barbier, dann eine ledrige Note, die nicht schmutzig ist, aber doch das genaue Gegenteil des ultracleanen ersten Eindrucks vermittelt") und Koordinaten: "Amber - als Kombination von Labdanum (einem Harz, Anm.), Patschuli, Vanille und Tonka-Bohnen. Fougère - zusammengesetzt aus Geranie, Vetiver (ein indisches Gras, Anm.) Orange, Myrrhe und Moschus. Das Cologne mit Bergamotte und Kardamom. Und zuletzt Wildleder, dem Safran und Sandelnoten beigemischt wurden."

Die "Beauties" nickten. Wissend und verstehend. "Stimmt!", "Genau!", "Das habe ich mir auch gleich gedacht!" Aber der Mann vom GQ legte seinen Bleistift weg und stellte sich neben den Muskel: "Das ist wie beim Wein: Da können mir Auskenner alles erzählen. Und ich glaube es gerne - aber in Wirklichkeit ist das egal, denn das, was da für mich gerade zählt, ist, dass dieser Typ nicht den ganzen Tag dieses Regal bewachen wird." (Der Standard/rondo/01/09/2006)

Info: Der Prada-Herrenduft soll ab Oktober erhältlich sein. Der 50-ml-Flacon wird 49, der 100-ml-Flacon 67 Euro kosten. Die De-luxe-Version kommt auf 87 Euro.

  • Artikelbild
    foto: prada
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