Meer-Jung-Frauen

29. November 2006, 15:31
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Die Inhaltsstoffe kommen aus der tiefen See, zusammen gebraut hat sie ein Wissenschaftler im Privatlabor, und warum sie wirkt, weiß keiner so genau - La Mer, die Schleierhafte unter den Kosmetik-Brands lüftet ihr Geheimnis nicht, sondern fügt noch einen Schleier hinzu

Es klingt wie ein Skript mit Anleihen bei Jules Verne und Rosamunde Pilcher: In den Hauptrollen: Dr. Max Huber (sprich: Mäx Juber), Physiker, bei einer Explosion während eines Tests von Raketenantriebssystemen an Gesicht und Händen schwer verbrannt, der Dr. Jekyll-artig in einem klandestinen Labor in seiner Garage an einer Formel zur Linderung seines Leidens arbeitet.

Seine kleine Tochter, die dem Vater bei seinen Experimenten zur Hand geht, den wissenschaftlichen Prozess miterlebt, ohne ihn wirklich begreifen zu können.

Leonard Lauder, Sohn der Kosmetik-Mogulin Estée und General der Creme-Großmacht, der irgendwann von der Entdeckung und ihrer kleinen, aber wachsenden Fangemeinde Wind bekommt und - immer auf der Suche nach neuen Produkten - den Doktor anspricht.

Der Doktor ist vorerst nicht geneigt, seine Entwicklung zu verkaufen. Allerdings entwickelt sich aus dem Erstkontakt eine langfristige Bekanntschaft, die mit dem Tod des Doktors endet. Wenn's da nicht die Tochter gäbe, die im väterlichen Erbe einen dicken Packen, dicht mit Formeln beschriebenen Papieres findet. Und hier tritt Konzern wieder auf den Plan und bietet mit seiner üppigen Infrastruktur aus Labors, Herstellungs- und Marketing-Abteilungen Max Hubers Erfindung Zugang zu einer breiteren, aber Luxus-orientierten Konsumentenschicht. Ab hier wird die Max Huber-Geschichte zur Legende, und die Ära von Marketing-Plänen und neuen Produktentwicklungen bricht an.

Ergebnis eines sechswöchigen Fermentationsprozesses

Nicht, dass die Geschichte zur Gänze bearbeitet wäre, betont Tyler Jones, Mastermind der neuen La Mer-Ära. Etwa sind Max Hubers Aufzeichnungen über seine Versuche so kryptisch, dass die Wissenschaftler im La Mer-Labor die Versuchsreihen quasi nachempfinden und auch ihre Perspektive ändern müssen. Denn anders als die Chemiker, Mediziner und Pharmazeuten, die normalerweise Pflegekosmetik entwickeln, konzentrierte sich der Physiker Huber auf die physikalischen Prozesse, auf die Veränderungen der Inhaltsstoffe durch Temperatur und mechanische Einwirkung. Aber auch bei den Inhaltsstoffen und den chemischen Prozessen gab's einiges nachzurecherchieren. Das Kernstück von La Mer, der so blumig genannte "miracle broth", ist das Ergebnis eines sechswöchigen Fermentationsprozesses, der die verschiedenen Zutaten (etwa das Algenextrakt aus jenem ganz besonderen Kelp-Teppich vor der Küste von San Diego) zum segensreichen Hautfreund verschmilzt. Welche Zutat mit welcher anderen unter welchen Bedingungen genau reagiert, ist noch nicht ganz offenbart. Aber, Hauptsach, es funktioniert, sagt der Pragmatiker, und tut den nächsten Schritt. Der heißt "The Radiant Facial" (Bild) und ist eine Maske, die in zwei Schritten anzuwenden ist und innerhalb von acht Minuten einen sichtbaren Verschönerungserfolg zeitigen soll. Nach einer Exfoliation kommt ein sogenannter "Primer", der Irritationen besänftigt und die Haut auf die Wirkstoff-Bombe vorbereitet. Die kommt in Gestalt zweier Wirkstoff-getränkter Baumwolltücher aufs Gesicht.

Die Tunke aus Fermenten, Vitamin C und der biokeramischen Corallina Officinalis, die vor der Küste der Bretagne geerntet wird, zielt auf die Zerschlagung der als Altersflecken bekannten Pigment-Zusammenballungen ab sowie auf ein ausgeglicheneres, besseres allgemeines Hautbild. Produkt-Design und Usability sind ohne Makel und pflegen den unblümeranten, technisch-pragmatischen Zugang, als wär's ein Konzept aus Max Hubers Garagen-Labor. Ein Produkt braucht eben nicht nur Formeln, sondern auch eine Legende.
(B.S./Der Standard/rondo/01/09/2006)

Foto: Michael Stelzhammer
aus der Ausstellung "Kopfstand der Wahrnehmung", die im Combinat (MuseumsQuartier) von 2. 9. bis 5. 10. 2006 zu sehen sein wird.
www.michaelstelzhammer.com

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    foto: michael stelzhammer
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