Warum kommen wir von den Achtzigerjahren nicht los - und vor allem nicht von den damals herrschenden Farben? Kerstin Engholm rechnet ab: mit Rot, Violett, Fuchsia, Smaragdgrün und Neon
Farben sind heikel: im Gesicht, an der Wand und am Leib. Im Kanon der lauwarmen Wiederaufbereitungen hat auch die 80er-Jahre-Queen in Rot, Violett, Kobaltblau und Neon Hochkonjunktur. Ich wuchs im Norden auf, da, wo dunkelblaue Mäntel und Dufflecoats von Ladage & Oelke zu Hause sind. Die konservativen Stadtgymnasien, durch die sich schon unsere Väter plagten, kommen mir in der Erinnerung hölzern und dunkelblau vor. Es war wohl die kollektiv vorherrschende Pulloverfarbe.
Am Ende der Schulzeit, also Mitte der Achtzigerjahre, kam frischer Wind auf: Die noch übrig gebliebene Rest-Punk-Gemeinde mit bunt gefärbten Irokesenkämmen und grellorangen Straßenkehreranzügen bekam Konkurrenz: Eine neue Clique sehr von sich eingenommener Girls entwarf neue Trends. In einer gekonnten Mischung kombinierten sie Ska-Elemente wie schwarze Steghosen mit grellfarbenen Pullis, Schulterpolstern und U-Boot-Ausschnitten, spitzen meterhohen Pumps und schwarzen Stirnbändern. Sie hörten Tom Tom Club, rauchten Kette, und uns blieb die Spucke weg.
Nach der Schule hielten die Achtzigerjahre auch in meinem Kleiderschrank Einzug: Ich erbte einen grellen, zitronengelben Blazer mit ultrabreiten Schultern und ohne Taille, eine quadratische Tasche aus rotem, kobaltblauem und smaragdgrünem Wildleder, besetzt mit goldenen Nieten und Troddeln, einen Smoking, ebenfalls kastig geschnitten, und gigantisch großen Schmuck aus abwechselnd marmoriertem und goldenem Kunststoff, alles von YSL Rive Gauche. Ich war stolz.
Aus dieser Zeit gibt es die mit Abstand scheußlichsten Photos von mir. Der Smoking allerdings hat in einer Archivschachtel bis heute überlebt. Er ist toll, aber schwarz. Mit den Siebzigern tue ich mir leichter, bei den Achtzigern wird mir mulmig. Brian de Palmas "Scarface", mit Michelle Pfeiffer in der weiblichen Hauptrolle, lässt Erinnerungen an ein legendäres, knallrotes, elegantes und tief geschlitztes Kleid aufkommen, wie es einerseits eine dem aufkommenden Wohlstand der ersten Erbengeneration gemäße, recht angepasste Mode war (Ähnliches sieht man derzeit in den Kollektionen von Gucci, Krizia, Paco Rabanne oder Armani).
Denkt man andererseits an Filme wie "Flashdance", fallen einem all die Schrecklichkeiten wieder ein: riesige, über den Hintern geschoppte V-Pullis mit breiten Schultern, Leggings kombiniert mit breiten Taillengürteln und Glitzer, Glitzer, Glitzer.
Jedes Jahr freue ich mich wie ein Kind auf die Winterkollektionen, wenn gedämpfte Flauschigkeiten die bunten Sommerfetzen von den Kleiderstangen vertreiben und kühle Temperaturen nahen.
Ebenso regelmäßig enttäuscht, schwöre ich mir, nichts mehr zu kaufen. Erstaunlicherweise kommt es dann doch immer ganz anders. Was also tun? Unbeeindruckt bleiben und trotzen, wo es gefällt! Die wenig schmeichelhaften Farben der Achtziger wie die orthopädischen Schuhe dieser Saison meiden. Mit Selbstbewusstsein mischen, was das Zeug hält. Vielleicht einen schönen Mantel kaufen, ein gutes Buch einpacken und im Spätherbst nach Rom reisen: Nach drei Caravaggios hat sich nicht nur die Beduinenkollektion von Chloé erledigt.
(Der Standard/rondo/01/09/2006)