Knöpft die Krägen

4. September 2006, 14:04
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    Marlene Streeruwitz, geboren 1950 in Baden bei Wien, gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen.

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    Modell von Chanel

Eindeutige Trends gehören in der Mode der Vergangenheit an - so ist es auch in diesem Herbst und Winter - Erlaubt ist trotzdem nicht was gefällt - Marlene Streeruwitz fragt, warum wir partout wieder weiße Blusen tragen sollen

Die weiße Bluse ist wieder da. Die geliebte, verhasste und immer rettende weiße Bluse ist wieder einmal da. Dunkler Rock oder dunkle Hose und die weiße Bluse dazu. Und frau kann überall hingehen und sieht immer gut aus. Dunkler Rock oder dunkle Hose und die weiße Bluse dazu, das passt zu jedem Alter und fast jeder Figur. Das ist zurückhaltend und elegant und auf eine Art formal, die den Stil der Trägerin anrechnet und nicht ihrer Kleidung.

Die weiße Bluse drückt immer etwas Entschlossenes aus. Das kommt aus den Erinnerungen an Uniform, die die weiße Bluse begleitet. Aus der Erinnerung an Schuluniformen und an Ingrid Bergmann in "Gaslight". Die Bluse hat einen weiten Weg von den Arbeiterkitteln der Französischen Revolution zur Uniform des guten Mädchens hinter sich. Aber unsere Kleidung leitet sich nun einmal aus dieser Zeit her, und die Uniform des guten Mädchens war einmal eine Errungenschaft, als Bildung für Frauen noch erkämpft werden musste und die weiße Bluse als Äquivalent zum weißen Hemd des Mannes ein Symbol der beginnenden Selbstständigkeit war.

Mütterdiktate und Schulvorschriften

Nun leben wir in einer Gesellschaft, die keine Schuluniformen kennt. Wahrscheinlich ist überhaupt jeder Zwang zu bestimmten Kleidungsstücken in den vergangenen 30 Jahren in der Erziehung bei uns so abgebaut worden, dass jeder Widerstand überflüssig geworden ist, der sich früher gegen Mütterdiktate und Schulvorschriften zusammenbraute. Kleiderzwänge, das sind hier zu Lande mittlerweile "peergroup pressure" und Modediktate und dann selbst verschuldet. In Ländern wie England oder Frankreich oder Italien. In denen jeden Tag die Schuluniform getragen werden muss, zu der das weiße Hemd oder die weiße Bluse gehören, da bekommt ein solches Kleidungsstück eine vollkommen andere Bedeutung. Da bedeutet es dann etwas ganz anderes, sich eines solchen Kleidungsstücks wieder zu bedienen und es auf den Laufsteg zu schicken.

Problem der Proportionen gelöst

Die Jabots und Krawatten, die die weißen Blusen in Paris und Mailand begleiteten, betonen diese formale Erbschaft der weißen Bluse. Und. Die weiße Bluse verhüllt. Das hat etwas Ordentliches an sich. Etwas Angepasstes. Aber. Das Formale lässt der Trägerin Raum. Die Kleidung wird zum Rahmen der Person. Das drückt sich vor allem im Kragen aus. Alle Blusen dieser Saison bedecken den Halsansatz und lösen so ein Problem der Proportionen, das der tiefe Ausschnitt immer bloßlegt und von dem mit dem Hochstemmen des Busens abgelenkt werden muss. Ein schönes Dekolletee, das war die Frage, wie das Schlüsselbein in sanftem Bogen in die Schultern überging. Wie die weiße Kehle, der weiße Hals verletzlich bloßlagen. Wie die Linie des Ausschnitts Hals und Schultern freilegte. Wie Träger oder Ärmel die Rundung der nackten Schultern unterbrachen und so betonten. Dafür ließen sich die Moden vieler Jahrhunderte immer neue Lösungen einfallen, und die hinaufoperierten Busen ersetzen ja nur die Korsage, die den Abstand vom Brustansatz zum Schlüsselbein und von da zur Kehle verkürzte. Und von eckigen Schultern und eckigen Schlüsselbeinen und zu kurzen Hälsen ablenkten.

Vielfalt aller Möglichkeiten

Mit einer Bluse. Mit einem Kragen. Da bekommt das Gesicht einen Rahmen. Über den Zwangsdekolletees der letzten Saisonen, da wird das Gesicht auf die Haut reduziert. Die gebräunte Haut wird selbst zur Uniform. Persönlichkeit kann sich da nicht so leicht entfalten. Mit der Bluse. Da erledigt die Bluse das Uniformhafte und lässt dem Gesicht die Individualität. Und die klassische Hemdbluse, wie sie von Raf Simons bei Jil Sander vorgeschlagen wird, ist nur eine Möglichkeit. Es gibt Smokingkragen mit weiten Ärmeln und umgelegter Manschette. Halblange Ärmel. Weite Ärmel in Manschette zusammengefasst oder offen schwingend. Stulpenmanschetten und schmale Bündchen. Hochgezogene oder flachliegend offene Kragen. Glänzende Stoffe. Durchsichtige Batiste und weich fallende Seide. Jabots. Maschen. Krawatten. Die Vielfalt wiederholt alle je da gewesenen Möglichkeiten. Für jede die passende weiße Bluse zum dunklen Rock oder der dunklen Hose oder zum Kostüm oder unter dem Trägerkleidchen als Ausdruck einer Person.

Auch ein Rat an die Männer

Und weil es sich bei der Entscheidung zur weißen Bluse in der Wintersaison um eine Entscheidung zu etwas mehr Form handeln wird und nicht um eine Rückkehr zu einer Uniform, können wir diesen Weg auch den Männern anraten. Der Verlust des Herrenhemdkragens in den T-Shirt Sommern hat Fasson gekostet, weil es auch für Männer gilt, dass, erst wenn Selbstachtung zum Ausdruck kommt, die Achtung der anderen erworben werden kann. Und klassische Formen. Die sind ein gut verständliches Mittel für diesen Ausdruck.
(Der Standard/rondo/01/09/2006)

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