Seid züchtig

31. August 2006, 16:39
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    foto: reuters/charles platiau

    Kreation der britischen Designerin Stella McCartney

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    foto: apa/epa/carlo ferraro

    Teil der Raf Simons-Kollektion

Nach Jahren, in denen wir unsere Körper Schicht um Schicht enthüllten, gibt sich die Mode jetzt wieder bedeckt - Stephan Hilpold über die neue Nüchternheit und warum sie manchen nicht passt

Das Nackte ist die Ausnahme. Die Hülle der Normalfall. Das war schon immer so, auch wenn wir uns daran gewöhnt haben, uns zumindest ganz am Anfang nackt zu denken. Als Adam oder Eva im Garten Eden. Als Neugeborene, gerade dem Mutterleib entschlüpft. Das ist der Ursprung, denken wir, so hat uns die Natur gemacht. Dabei müssten wir es doch selbst besser wissen, oder warum fühlt man sich plötzlich so nackt, wenn man denn einmal nackt ist? Das Nackte ist die Ausnahme, das Unnatürliche. Heraklit meinte wohl genau das, als er sagte: "Die Natur liebt es, sich zu verbergen."

Verbergen und Enthüllen

Aus diesem Spiel des Verbergens und Enthüllens hat ein Künstler große Kunst gemacht. Christo nennt er sich bezeichnenderweise, und das, was er der Welt mit seiner Verhüllung des deutschen Reichstags oder des Pont Neuf zeigte, davon erzählt Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis genauso wie es die Mode tut. Und das von Anfang an.

Das Wesen der Dinge, sagt sie uns, zeigt sich in der Verhüllung. Der Schein ist das Sein, und in kaum einer Saison wird das deutlicher als in der kommenden. Denn nach Jahren, in denen die Mode alles daran setzte, den Körper Schicht um Schicht zu enthüllen - vom Bauchnabel bis zum Arschgeweih - gibt sie sich jetzt wieder bedeckt. Zumindest wenn es nach einigen derzeit die Mode maßgeblich bestimmenden Designern wie Marc Jacobs oder Karl Lagerfeld geht. Auf den Laufstegen in New York zeigten sie bei jenen Labels, die ihre eigenen Namen tragen, die dunkle Babuschka-Mode dieses Herbsts und Winters: Stulpen und Mützen, Schals und Pulswärmer. Immer mehrere Stofflagen übereinander, seien es Hosen unter Röcken oder langärmelige Shirts unter Kleidern. Alles hochgeschlossen und auf jeden Fall blickdicht. Als müsse der Körper gegenüber einer feindlichen Umwelt mit allen Mitteln abgeschirmt werden. "Wenn man derzeit die Zeitungen liest", sagte Karl Lagerfeld nach den Schauen "dann ist man nicht in der Stimmung für Pink oder Grün."

Problem der Freizügigkeit

Auch viele andere Designer tun sich mit der Freizügigkeit der Vergangenheit schwer. Bezeichnenderweise gerade die jüngeren: Bei Givenchy setzt sich der junge Süditaliener Riccardo Tisci bewusst vom vulgären Einschlag ab, wie sie die Mode vieler seiner Landsleute - von Dolce & Gabbana bis zu Frida Giannini bei Gucci - kennzeichnet, bei Rochas setzt der Belgier Olivier Theyskens auf eine nüchterne Eleganz zu blickdichten Strümpfen, bei Balenciaga schickte Nicolas Ghesquiere das die Show beschließende Model gar mit Kopftuch auf den Laufsteg. Von einer "Muslimisierung der Mode" sprachen denn bereits ein paar eilfertige Kritiker, die davon überzeugt waren, das westliche Unbehagen im Umgang mit dem Islam eins zu eins auf die Mode umsetzen zu können. Dabei passieren solche Übertragungen doch weitaus gebrochener als durch die bloße Verwendung eines schnöden Kopftuchs.

Als die Flugzeuge im Jahre 2001 ins World Trade Center rasten, hatte Raf Simons einige Tage vorher eine dunkle Terroristen-Kollektion gezeigt, von der die Modewelt später nichts mehr wissen wollte, obwohl sie die Ereignisse gewissermaßen vorausgesehen hatte. Von "Angst" sprach Simons, als er die Kollektion rechtfertigen musste, davon, dass er sich mit seinen Tüchern und Parkas selbst beschützen wollte.

Rückkehr zur Natürlichkeit

"Schutz" ist denn vielleicht auch jetzt ein gutes Schlagwort, um die derzeitige Entwicklung der Mode ein bisschen besser zu verstehen. Oder auch: Rückkehr zur Natürlichkeit. Zu jenem Zustand, in dem wir uns wohler fühlen als in der Zurschaustellung unserer bloßen Haut. Packt Christo seine Gebäude oder Landschaften ein, dann kommt man nicht umhin, in der Hülle das eigentliche Wesen des Verhüllten zu erblicken.

Manch einer wird die große modische Verhüllung in diesem Herbst als eine Art Rollback begreifen: Doch ein Akt der Emanzipation ist die Zurschaustellung von Nacktheit sowieso schon des Längeren nicht mehr. Figuren wie Paris Hilton und Co beweisen das tagtäglich. Auch war es gerade die freizügige Girlie-Mode der vergangenen Jahre, die Frauen zu Püppchen machte. Sie wurden in eine Ästhetik gepresst, die die Bilderindustrie gierig aufsaugte, weil der Lolita- und Barbie-Chic althergebrachten Männerfantasien zum Verwechseln ähnlich sah. Dass die Mode sich gerade jetzt in eine andere Richtung orientiert, ist nur zu verständlich. Miuccia Prada hat das mit der üblichen Wellenbewegung der Mode erklärt, doch darin liegt wohl nur die halbe Wahrheit.

Kulturelle Wertvorstellungen

Genauso gut könnte man die Konjunktur der dunklen Lagenmode auch mit der immer größeren Wichtigkeit der arabischen Märkte erklären, damit, dass Designer für einen globalen Markt arbeiten und natürlich auch die Bedürfnisse von Kundinnen mit anderen moralischen und kulturellen Wertvorstellungen berücksichtigen.

Das alles mag sein, und doch scheint es, als ob sich die Mode allgemein einen Moment der Besinnung gönnt. "Es beruhigt sich. Das beunruhigt", titelte vor kurzem die Zeitschrift TextilWirtschaft. Doch Unruhe ist nur angebracht, blickt man auf die Welt jenseits der Mode. In dieser selbst geht es diesen Herbst besonders gesittet zu.
(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/01/09/2006)

Adressen
Stella McCartney (Sterngasse 4, 1010 Wien), Raf Simons (Park, Mondscheingasse 20, 1070), Martin Margiela, Balenciaga (Song, Praterstraße 11-13, 1020), Victor & Rolf (Partner MH, Seilergasse 6, 1010)), YSL (Liska, Graben 12, 1010), Gianfranco Ferré (Mayredergasse 4, 1010), Weiss (Landskrongasse 8, 1010).

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