TV-Duelle zwischen Kreiskys Broschüre und Haider-Taferl

2. Oktober 2006, 13:07
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Thurnher will "nicht nur Ringrichter spielen" - Über vier Millionen Österreicher sahen 2002 zu

Mit den ORF-TV-Konfrontationen zur Nationalratswahl geht der Wahlkampf ab nächster Woche in die heiße Phase. Zehn Wahl-Duelle zwischen ÖVP, SPÖ, Grünen, FPÖ und BZÖ, die gemeinsame "Elefantenrunde" sowie eine eigene Debatte zwischen KPÖ und Hans Peter Martin stehen dabei am Programm. Auf Grund der hohen Zahl an unentschlossenen Wählern könnten die TV-Konfrontationen einmal mehr mit entscheidend für den Wahlausgang sein.

Die Wahl-Duelle 2002 wurden immerhin von über vier Millionen Österreichern verfolgt. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ÖVP und SPÖ - zumindest in den Meinungsumfragen - sorgte für Zuseherinteresse wie nie zuvor. Moderator Elmar Oberhauser sah sich damals als "Stimme der Wähler". Den Wahlkampf am Bildschirm hielt er für eine wichtige Orientierungshilfe. "Anfangs behauptete ich immer, eine Fernsehdiskussion entscheidet keine Wahl, mittlerweile versuche ich meine Haltung zu revidieren. Denn einen Grund muss es ja haben, dass so viele Leute zugeschaut haben. Nur der Unterhaltung wegen kann es ja nicht gewesen sein", meinte Oberhauser, der demnächst ORF-Informationsdirektor werden soll, nach den TV-Duellen. "Zeit im Bild 2"-Moderatorin Ingrid Thurnher, die heuer die Moderation inne haben wird, will "sicher nicht nur Ringrichter spielen und die Glocke schlagen, wenn die Zeit um ist", wie sie jüngst erklärte.

Match danach gewinnen

Ob die TV-Duelle tatsächlich wahlentscheidend sind, darüber gehen die Meinungen unter Experten übrigens auseinander. Während die einen der Ansicht sind, dass durch die innenpolitischen Gladiatorenkämpfe im Fernsehen maximal ein Prozent der Wählerstimmen zu bewegen ist, halten andere ohnehin die Nachbereitung des Wahlkampf-Events für viel wesentlicher. Wichtig ist, das Match danach zu gewinnen, heißt es. So gehört es denn auch zum Geschäft der Parteizentralen, zum Teil noch während der TV-Duelle beziehungsweise kurz danach den eigenen Kandidaten zum Debattensieger zu erklären - sei es per Umfrage oder via Spin-SMS an Journalisten. Das wird wohl auch 2006 nicht anders sein.

Geschichte der Kandidatenduelle

Die Geschichte der Kandidatenduelle wurde in den USA geschrieben. Seit der legendären TV-Konfrontation zwischen den US-Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy und Richard Nixon - der "Mutter aller TV-Duelle" - im Jahr 1960 wurde das Fernsehen für die politische Arena immer wichtiger. Der Republikaner Nixon hatte damals das Nachsehen. Die Hitze der Studioscheinwerfer trieb dem schlecht rasierten Kandidaten die Schweißperlen auf die Stirn, während Kennedy, der in einer klimatisch extra herunter gekühlten Limousine kam, frischer und jugendlicher wirkte. Die Wahl ging mit ein paar tausend Stimmen Unterschied für den Demokraten Kennedy aus. Auf dieses Duell fußt auch der wahlentscheidende Nimbus von TV-Konfrontationen.

Kreisky gegen Taus

In Österreich wurde das TV-Duell vor einer Wahl erstmals 1975 von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky gegen ÖVP-Chef Josef Taus lautete damals die Paarung, und Medienkanzler Kreisky nutzte das Fernsehen wie kein österreichischer Politiker vor ihm. "Nicht mich schulmeistern, Sie haben so eine gouvernantenhafte Art", grantelte der Alte in Richtung Taus. Während später Geborene auf das Taferl setzten, zückte Kreisky 1975 die Broschüre: Als der Herausforderer Taus die rote Wirtschaftspolitik kritisierte, holte Kreisky eine Publikation der Girozentrale hervor, in der der Wirtschaftsstandort Österreich ausländischen Investoren in den höchsten Tönen angepriesen wurde. Taus selbst hatte das Papier als ehemaliger Generaldirektor der Bank zu verantworten. Die Wahl ging danach an Kreisky.

1979 schlug sich VP-Chef Taus schon besser, Kreisky und die SPÖ landeten dennoch einen Rekord-Wahlsieg. 1983 bezwang ÖVP-Chef Alois Mock im Fernsehen den bereits gesundheitlich angeschlagenen Kreisky. Die SPÖ verlor bei der Wahl die absolute Mehrheit, der Langzeit-Kanzler zog sich aufs Altenteil zurück, Fred Sinowatz übernahm Kanzleramt und SPÖ.

Wie ein Eisrevue-Tänzer

1986 erging es Mock gegen den neuen SPÖ-Chef und Kanzler Franz Vranitzky weniger gut. Nach Waldheim-Turbulenzen und Machtübernahme Jörg Haiders in der FPÖ ließ Vranitzky die Koalition mit den Blauen platzen und stellte sich der Neuwahl. Im TV-Duell mit Mock wirkte Vranitzky frischer. Zwecks Entspannung hatte der VP-Chef vor der Konfrontation noch die Sauna besucht, das aufgeweichte Gesicht wurde mit dicker Schminke bearbeitet. "Mock sah eher aus wie ein Eisrevue-Tänzer denn wie ein Kanzlerkandidat", folgerte das Nachrichtenmagazin "profil". Ein Beleg dafür, dass auch in Österreichs Innenpolitik Äußerlichkeiten und Telegenität bedeutender wurden. Bei der Wahl gab es für den angeschlagenen Mock eine Niederlage.

Mediencoaching immer wichtiger

1990 gab sich Vranitzky im Kanzlerduell mit VP-Chef Josef Riegler ganz staatsmännisch. Mediencoaching und die entsprechende Vorbereitung wurden zusehends wichtiger. Riegler bereitete sich bei Massagen und einer speziellen, japanischen Art der Kraftübertragung auf seinen Fernsehauftritt vor. An den Kräfteverhältnissen in Parlament und Großer Koalition änderte sich trotzdem wenig. Vom ORF wurden damals mit Hans Benedict, Hans Besenböck und Johannes Fischer gleich drei Journalisten abgestellt, um einen interessanten Fragenkatalog zusammenzustellen.

1994 wurde erstmals das Modell jeder gegen jeden angewandt. Gegen die Grüne Spitzenkandidatin Madeleine Petrovic kam Vranitzky nicht besonders gut über den Bildschirm, gegen FPÖ-Chef Jörg Haider folgte sogar ein Waterloo. Haider hielt dem SP-Kanzler - "Jetzt zeig ich Ihnen was" - vor laufenden Kameras das berühmte Taferl mit den hohen Bezügen des steirischen Arbeiterkammer-Präsidenten Alois Rechberger entgegen und erwischte den Kanzler damit am falschen Fuß. Die folgende Privilegiendebatte führte zu schmerzhaften SP-Verlusten bei der Wahl. Auch für VP-Spitzenkandidat Erhard Busek war dank unverhohlener Koalitionszusage an die SPÖ bei der Wahl wenig zu holen.

"Ausflug nach Maria Taferl?"

1995 zerstritten sich die Koalitionspartner SPÖ und ÖVP, eine Neuwahl im Dezember war die Folge. Vranitzky reduzierte seine Auftritte bei den TV-Konfrontationen auf Grund der negativen Erfahrung im Jahr zuvor auf das Kanzlerduell mit VP-Chef Wolfgang Schüssel. Gegen Haider schickte der SP-Chef seinen späteren Nachfolger Viktor Klima ins Rennen. Als Haider neuerlich zum Taferl griff, entzauberte Klima den FPÖ-Obmann mit den Worten "Mach ma wieder an Ausflug nach Maria Taferl?" und warf diesem auch noch Feigheit vor. Vranitzky konnte bei der Wahl wieder zulegen.

Ein Taferl-Revival gab es auch bei den TV-Duellen 1999. Als Haider seine Präsentationshilfe entglitt, spöttelte VP-Spitzenkandidat Schüssel in Richtung des späteren Wende-Partners: "Jetzt ist Ihnen das Taferl umgefallen." SP-Kanzler Viktor Klima setzte wie sein Vorgänger auf die Stellvertreter-Entsendung. Freilich ohne großen Erfolg. Klarer Wahlsieger wurde die FPÖ.

"Tun's nicht Englisch reden"

2002 blickte schließlich - vor der Neuwahl nach Knittelfeld - alles auf das Kanzlerduell Wolfgang Schüssel (ÖVP) gegen Alfred Gusenbauer (SPÖ). Flockige Sager waren garantiert: "Tun's nicht Englisch reden" - Schüssel an Gusenbauer. "Erzählens keinen Lavendel" und "Blicken Sie mir in die Augen!" - Gusenbauer an Schüssel. Knapp zwei Millionen Österreicher schalteten damals das Fernsehgerät ein. Die ursprünglich für 22.30 Uhr angesetzte Konfrontation wurde übrigens - im Gegensatz zu BZÖ-Chef Peter Westenthalers jüngstem "Sommergespräch" - wegen des UEFA-Cup-Fußballspiels FC Porto gegen Austria Wien auf 20.15 Uhr vorverlegt. Dass das ebenfalls im UEFA-Cup angetretene Team von Sturm Graz am frühen Abend wegen von den Programmplanern am Küniglberg nicht vorgesehener Verlängerung und Elfmeterschießen gegen Lewski Sofia auf ORF 1 die Startphase des "Kanzlerduells" konkurrenzierte, tat dem Publikumsinteresse für die Kanzlerkandidaten keinen Abbruch. Während es mit Sturm Graz an dem Abend einen eindeutigen Sieger gab, gingen die Expertenmeinungen in Sachen Schüssel gegen Gusenbauer aber auseinander. Belegt ist lediglich, dass Schüssels ÖVP die nachfolgende Wahl mit einem Erdrutschsieg für sich entscheiden konnte. (APA)

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