"Lärm ist ein übler Gestank für die Ohren"

29. August 2006, 21:02
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Im Alten Rathaus in Linz diskutierten Experten über den Störfaktor Nummer eins

Linz - Die Zahlen lassen aufhorchen: Fast ein Drittel der Österreicher klagt laut jüngsten Umfragen über eine dauerhafte Lärmbelastung, 1,4 Millionen leiden unter dem Verkehrslärm. Längst ist der Lärm des Alltags nicht mehr Nebengeräusch, sondern ein echter Belastungsfaktor mit gesundheitsschädlichen Auswirkungen. Deutsche Forscher etwa sehen das Herzinfarktrisiko durch chronischen Lärm um nahezu 50 Prozent erhöht.

Vor diesem Besorgnis erregenden Hintergrund lud der Standard am Montagabend Experten zur Debatte in den Renaissancesaal des Alten Rathauses in Linz. Dem "Aufreger Lärm" stellten sich am Podium unter der Moderation von Standard-Redakteur Markus Rohrhofer der Direktor des Instituts für Schallforschung (ÖAdW), Werner Deutsch, Doris Eyett vom Linzer Meinungsforschungsinstitut IMAS, der Geschäftsführer des Umweltbundesamtes, Georg Rebernig, sowie der Linzer Mobilitätsstadtrat Jürgen Himmelbauer.

Urbane Lärmflucht

Unbestritten sei der Lärm ein "krank machendes Problem", zeigte Schallforscher Deutsch auf, denn bereits ab einer dauerhaften Belastung von 85 Dezibel müsse mit gesundheitlichen Schäden gerechnet werden. Allerdings hänge die Auswirkung von Lärmbelastungen stark vom subjektiven Empfinden, der individuellen Konstitution und Einstellung ab. Meinungsforscherin Doris Eyett merkte an, dass in einer Stadt "generell mit mehr Lärm gerechnet werden muss". Sensible Menschen sollten daher ihren "Wohnsitz aufs Land verlegen" - womit Eyett nicht nur der heftige Widerstand seitens der zahlreich anwesenden Bürgerinitiativen sicher war, sondern auch die klaren Einwände von Umweltbundesamt-Geschäftsführer Rebernig. Er sehe in dieser Form der "Landflucht" keineswegs eine Lösung der Lärmproblematik.

Lärmverringerung

Vielmehr müssen die technischen Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden. Allein die einheitliche Verwendung von lärmarmen Reifen führe zu einer Verringerung der Lärmbelastung, die einer Halbierung des Verkehrsaufkommens entsprechen würde. Für Mobilitätsstadtrat Himmelbauer stellte diese Forderung nur einen Handlungsansatz dar, vorrangig sei, über Lösungen des Individualverkehrs und eine sanfte Mobilität nachzudenken. Lärm zu verhindern hieße vor allem, beim eigenen Handeln anzusetzen. Ein Umdenken der Bevölkerung werde unerlässlich sein, allerdings brauche dies "einfach eine gewisse Zeit".

Dass Lärm auch tatsächlich ein "Aufreger" für viele ist, zeigten die unzähligen Einwände, Berichte und Beiträge betroffener Bürger, die zu einer zum Teil kontroversen Diskussion führten. "Lärm ist ein übler Gestank für die Ohren", offenbarte ein Geräusch-Geplagter seine ganz persönliche Lärm-Definition. (Engelbert Ecker/DER STANDARD-Printausgabe, 30.08.2006)

  • Himmelbauer, Rebernig, Rohrhofer, Eyett und Deutsch (von links) bei der Standard-Diskussion: Der Befund ist eindeutig, die Maßnahmen scheiden aber doch die Experten.
    foto: petschenig

    Himmelbauer, Rebernig, Rohrhofer, Eyett und Deutsch (von links) bei der Standard-Diskussion: Der Befund ist eindeutig, die Maßnahmen scheiden aber doch die Experten.

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