Zukunftspläne für Natascha Kampusch

30. August 2006, 13:41
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Rund eine Woche nach Kampuschs Flucht aus der Gefangenschaft hat die Diskussion über ihre Zukunft begonnen

...Untersucht wird derzeit, wie ihr Wunsch nach einer Ausbildung erfüllt werden kann. Ein Jugendschutzexperte forderte derweil mehr Gewaltprävention.

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Wien - Wie bildet man einen jungen Menschen aus, der die Hälfte seine Lebens keine Bildung erhalten hat? Natascha Kampusch ist, sagte ihr Rechtsanwalt Günter Harrich gegenüber dem Standard, auf dem Bildungsstand einer Volksschülerin stehen geblieben. Dennoch wolle sie eine Ausbildung beginnen; welche konkret, wisse er noch nicht.

Das Bildungsministerium bestätigte auf Anfrage: "Ihr stehen alle Wege offen, sie muss sich nur für einen entscheiden." Der Stadtschulrat Wien hat nach eigenen Angaben mittlerweile Kontakt mit Natascha Kampusch aufgenommen, und ihr das Angebot unterbreitet, einen "Formalabschluss" zu erhalten.

Über die finanziellen Hilfen für die junge Frau wurden unterdessen am Dienstag Einzelheiten bekannt. Nach dem Verbrechensopfergesetz könnte Natascha Kampusch möglicherweise den fiktiven Verdienst ersetzt bekommen, der ihr durch die Gefangenschaft entgangen ist. Auch die "berufliche Rehabilitation" werde gefördert, heißt es in einer Aussendung des Sozialministeriums.

Kritik an Berichterstattung

Kritik an der Berichterstattung und den vielen "Ferndiagnosen" über Natascha Kampuschs vermuteten psychischen Zustand übte unterdessen Andreas Mauerer, der fachliche Leiter des St. Pöltener Kinderschutzzentrums "Die Möwe". Psychologen und andere Experten sollten "nicht via Medien in Wettstreit zueinander treten" - das schade "dem Wohl der Betroffenen oder der Sache".

Als Betroffene habe Natascha Kampusch in ihrer am Montag verlesenen schriftlichen Botschaft eindeutig deklariert: "Bitte lasst Ruhe einkehren" - meint Mauerer. Er forderte stattdessen "eine breite öffentliche Diskussion über Gewaltprävention".

Der frühere "Promi-Drogentherapeut" - er hatte etwa den Sänger Toni Wegas in Behandlung - schlug am Dienstag vor, einen runden Tisch zu bilden: "Wir müssen darüber diskutieren, wie Kinder wehrhafter gemacht werden können."

Mehr Gelassenheit in der Sache wiederum hätte sich Mauerer Ende Juli in Zusammenhang mit der neuen Werbekampagne der "Möwe" gewünscht: Das geplante Sujet - eine Kindersexpuppe mit aufgerissenem Mund - hatte damals für Aufregung gesorgt. Der via Medien verkündete Rücktritt des Psychiaters Max Friedrich, den Mauerer "schwer bedauert", sei "der Aufklärung über Kindesmissbrauch nicht zuträglich gewesen". Friedrich ist derzeit psychiatrischer Kobetreuer Natascha Kampuschs. (Irene Brickner, Jens M. Lang/DER STANDARD-Printausgabe, 30.08.2006)

  • Natascha möchte gerne eine Ausbildung beginnen - der Wiener Stadtschulrat hat bereits mit ihr Kontakt aufgenommen
    foto: corn

    Natascha möchte gerne eine Ausbildung beginnen - der Wiener Stadtschulrat hat bereits mit ihr Kontakt aufgenommen

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