Willkommen, Heuschrecken!

1. März 2007, 15:29
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Ein ausländischer Käufer ist für die Bawag und den ÖGB die beste Lösung

Andreas Treichl ist für rasche und konsequente Entscheidungen bekannt. Umso seltsamer mutet der Eiertanz der Erste Bank um den Kauf der Bawag P.S.K. in den vergangenen Monaten an: ja, nein, vielleicht, und nun endgültig nein.

Dass sich die Erste Bank jetzt auf eine angebliche Diskriminierung von Inländern im Verkaufsprozess ausredet, erscheint nicht ganz ehrlich. Denn anders als ihr Partner, die Wiener Städtische Versicherung, passt die Bawag nicht wirklich in die Geschäftsstrategie einer Bank, die ihre Zukunft in der Ostexpansion und nicht im Inlandsgeschäft sieht. Auch seine Aktionäre haben Treichl in der Vergangenheit wohl deutlich gemacht, dass sie einen Einstieg in der Bawag nicht goutieren würden – außer vielleicht zum Okkasionspreis.

Doch ein österreichischer Mauscheldeal wäre nicht nur für den ÖGB äußerst schmerzhaft, es würde auch dazu führen, dass die 900-Millionen-Staatshaftung, zu der sich der Bund verpflichtet hat, schlagend wird. Und schließlich würden die Refco-Gläubiger um die Chance umfallen, von einem Verkaufspreis über 1,8 Milliarden Euro mitzunaschen.

Angesichts dieser Interessenslage würde man es verstehen, wenn die US-Investmentbank, welche die Refco-Gläubiger im Verkaufsverfahren vertritt, signalisiert hat, dass sie das Duo Erste/Städtische nicht wirklich schätzt.

Auch wenn Inländer formell nicht diskriminiert werden – die Chance, dass die Bawag österreichisch bleibt, tendiert seit gestern gegen null. Und das ist gut so. Den meisten inländischen Banken würde durch die Bawag in Wien ein Kartellproblem erwachsen. Sie müssten Filialen schließen und Personal abbauen. Doch das größte Asset der Gewerkschaftsbank bilden das dichte Filialnetz, die immer noch treuen Kunden und die Mitarbeiter, die trotz geringer Bezahlung leicht motivierbar sind, wenn man sie bloß besser behandelt, als es Helmut Elsner tat.

In einer Zeit, in der immer mehr Bankenchefs auf den Geschmack grenzüberschreitender Übernahmen kommen, ist die Bawag daher ein interessantes Objekt der Begierde. Auch wenn die Ostexpansion unter Elsner verschlafen wurde, so bietet sie einem Käufer doch einen Brückenkopf in dieser Region. Wer strategisch denkt, wird auch bereit sein, einen ordentlichen Kaufpreis auf den Tisch zu legen – vielleicht sogar jene 2,4 Milliarden Euro, die ÖGB, Bund und die Refco-Gläubiger glücklich stimmen würden.

Doch Bawag-Chef Ewald Nowotny hat Recht, wenn er die öffentliche Meinung für einen Verkauf an reine Finanzinvestoren vorbereitet. Andere Banken könnten sich vom Zeitdruck abschrecken lassen. Aber für abgebrühte "Heuschrecken" ist ein rascher Kauf auf Pump gerade das Richtige – in der Hoffnung, die Bank in ein paar Jahren um einen deutlich höheren Preis weiterzuverkaufen. Sie würde inzwischen auf eine rasche Sanierung drängen und wenig Rücksicht auf die bestehende Unternehmenskultur nehmen. Doch die Bawag-Mitarbeiter müssen sich nicht fürchten. Die Personalstruktur der Bank ist schlank, und eine Filetierung würde nicht viel Sinn ergeben.

Ein ausländischer Einstieg wäre auch das Beste für den österreichischen Bankenmarkt. Die Integration der europäischen Finanzindustrie, die erst jetzt richtig anläuft, kommt jedem Bankkunden zugute. Österreichs Banken liegen zwar bei den Kosten gut, nicht aber bei der Produktinnovation: Dafür muss man bloß die Onlinebanking-Angebote anderswo vergleichen. Die wichtigste Messlatte für den Erfolg des Bawag-Verkaufs bleibt immer noch der Preis. Das Schicksal des Gewerkschaftsbunds und indirekt auch der Sozialdemokratie hängt vom Verhandlungsgeschick der Investmentbank Morgan Stanley sowie von Nowotnys Fähigkeit ab, potenzielle Käufer von einem optimistischen Zukunftsszenario zu überzeugen. Nach dem katastrophalen Scheitern der Finanzspekulationen ist nun echte Managementkunst gefragt. (Eric Frey; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.8.2006)

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