Experte Wolfgang C. Müller: "Österreich war immer Weltmeister bei Parteimitgliedern"

31. August 2006, 09:13
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Der Politikwissenschafter vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozial­forschung über den sinkenden Nutzen der Partei­mitglied­schaft

"Die Zeiten, in der fast ein Drittel der Wähler organisiert sind, sind definitiv vorbei," erklärt der Politikwissenschafter Wolfgang C. Müller im derStandard.at-Interview. Trotzdem seien in Österreich im Vergleich zu anderen Demokratien immer noch viele WählerInnen auch Parteimitglieder.

Vor allem die ÖVP schaffe es durch die verpflichtende Mitgliedschaft in den Vorfeldorganisationen ihre Mitgliederzahl am gleichen Level zu halten, während die Mitgliederzahlen in anderen Parteien schrumpfen. Nur die Grünen verzeichnen einen deutlichen Zulauf.

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derStandard.at: Ist Österreich in einem besonders hohen Maß parteipolitisch organisiert? Ist hier die "Mitgliederpartei" stärker ausgeprägt als im restlichen Europa?

Müller: Österreich war immer Weltmeister bei den Parteimitgliedern. Das gilt für alle Parteifamilien, abgesehen vielleicht von den Grünen. Aber auch die sind heute relativ gut organisiert. Bis in die 70er Jahre gab es in Österreich ungefähr so viele Parteimitglieder wie in Deutschland. Das stimmt nicht mehr ganz, aber es ist immer noch so, dass Österreich im internationalen Vergleich stark überorganisiert ist. Die Mitgliederzahlen gehen derzeit aber in allen Ländern zurück, auch in Österreich. Zur Zeit sind circa 15 Prozent der Wahlberechtigten Parteimitglieder.

derStandard.at: Warum ist gerade in Österreich der Organisationsgrad der Parteien so hoch?

Müller: Die Bürger in Österreich sind nicht mehr politisch interessiert oder ideologischer als sonst wo. Die österreichischen Parteien waren aber immer mehr um die Gewinnung von Mitgliedern "bemüht". Den Parteien tritt man nicht nur bei, weil man hinter bestimmten gesellschaftlichen Idealen steht, sondern auch weil die Parteien in Österreich immer schon Versorgungseinrichtungen waren, früher natürlich mehr als heute. Ein Job, eine Wohnung, einen Auftrag über das Parteibüchl zu bekommen, war nicht ungewöhnlich. Politische Parteien sind auch immer soziale Organisationen und für Aktive ist die Parteimitgliedschaft eine Möglichkeit mit anderen zusammen zu kommen und ihre Freizeit zu gestalten.

derStandard.at: Trotzdem sinkt die Zahl der Parteimitglieder kontinuierlich. Wann hat das begonnen und warum?

Müller: Seit Anfang der 80er-Jahre geht die Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten stark zurück - vor allem weil keine neuen Mitglieder gewonnen werden konnten und alte weggefallen sind. Erst seit die Sozialdemokratie wieder in Opposition ist, kann ein Teil des "natürlichen Abgangs" - durch Tod - durch neue Mitglieder kompensiert werden.

Bei der ÖVP blieben die Zahlen im Wesentlichen fast gleich. Das liegt vor allem an den unterschiedlichen Organisationsformen. Bei der ÖVP existieren die drei Bünde und die anderen Teilorganisationen (Frauen, Senioren, Jugend). Man tritt eigentlich einem Bund bei, zum Beispiel dem Wirtschaftbund oder dem Bauernbund. Diese Bünde wieder dominieren die Handels- und Landwirtschaftskammern. Da ist die Hemmschwelle für einen Beitritt geringer. Man kann von einer Partei verlangen, dass sie aufhört, Wohnungen an ihre Mitglieder zu vergeben, aber man kann von einer Interessenorganisation wie der Landwirtschaftskammer nicht erwarten, dass sie sich nicht für ihre Mitglieder einsetzt.

Die ÖVP hat sich außerdem in Form von Vorfeldorganisationen im Bereich Freizeitangebote einen großer Markt eröffnet. Die Leute, die zum Beispiel im Seniorenbund sind, binden sich an die Partei, um an Busreisen teilzunehmen zu können etc. Das gibt es auch bei der SPÖ, aber diese Mitglieder sind - anders als bei der ÖVP - nicht automatisch Parteimitglieder.

derStandard.at: Ist das Modell der Mitgliederpartei also kein Auslaufmodell?

Müller: Die Zeiten, in der fast ein Drittel der Wähler organisiert sind, sind definitiv vorbei. Ich glaube aber, dass die politischen Parteien mit dem Organisationsmodell der ÖVP ohne weiteres etliche Mitglieder mehr aufstellen könnten. Wahrscheinlich ist aber, dass sich die Mitgliederzahlen auf etwa dem aktuellen Niveau stabilisieren werden.

Die formale Mitgliedsschaft ist außerdem noch lange kein Garant dafür, dass diese Leute die Partei auch tatsächlich wählen. Und alle Parteien haben Stammwähler, die nicht als Mitglieder organisisert sind. Außerdem wechseln immer mehr WählerInnen öfter die Partei.

derStandard.at: Bei den Grünen steigen die Mitgliederzahlen. Sind sie die aus heutiger Sicht die interessantere Partei?

Müller: Die Grünen haben ja als Antithese zu den anderen Parteien begonnen. Sie haben sich abgestoßen gefühlt von der Organisationsstruktur der damals etablierten Parteien. Wer Mitglied werden wollte, musste schon direkt anklopfen. Die Grünen haben außerdem stark von dem Politisierungseffekt profitiert, die durch die ÖVP-FPÖ-Koalition ausgelöst wurde. Das brachte ihnen einen Schub an Mitgliedern.

derStandard.at: Wie sehr sind Parteien auf die Mitgliederbeiträge angewiesen?

Müller: Natürlich zahlen die Mitglieder einen Beitrag, kosten aber auch etwas. Meiner Meinung fallen also die finanziellen Einbußen durch sinkende Mitgliederzahlen nicht allzu sehr ins Gewicht.

derStandard.at: Welchen Einfluss haben Mitglieder?

Müller: Jede Parteiführung muss sich die Frage stellen: "Wie erklären wir das unseren Mitgliedern?" Selten aber doch gibt es Aufstände innerhalb der Partei. Knittelfeld bei der FPÖ war ja nichts anderes. Die Parteitagsdelegierten, die dort anwesend waren, wurden schließlich von den Mitgliedern gewählt und waren repräsentativ für die Mitglieder. Am Innsbrucker Parteitag der FPÖ 1986 war ein ähnliches Phänomen zu beobachten. Die großen Parteien sind da natürlich schwerfälliger. (Anita Zielina und Manuela Honsig-Erlenburg)

Zur Person: Wolfgang C. Müller ist Direktor des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung und Mitherausgeber des Basiswerkes "Politik in Österreich: Das Handbuch." Seine Arbeitsschwerpunkte: Die politischen Systeme Europas und ihre Integration.
  • Wolfgang C. Müller: "Die formale Mitgliedsschaft ist noch lange kein Garant dafür, dass diese Leute die Partei auch tatsächlich wählen."

    Wolfgang C. Müller: "Die formale Mitgliedsschaft ist noch lange kein Garant dafür, dass diese Leute die Partei auch tatsächlich wählen."

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