Mit 150 Hektar fängt die Sache erst an

28. August 2006, 20:06
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Wien führt eine eigene Landwirtschaft mit Vorzeigeprojekten - bis hin zur Sonnenblume als Energiequelle

Wien –Warum eine Großstadt wie Wien einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb führt, sieht deren Chef Thomas Podsednik relativ nüchtern: „Die Stadt kann bei Grund und Boden mitgestalten und bei Bedarf auf Flächen zurückgreifen.“ Wohnbau, Straßenbau, Betriebsansiedlungen – da wird immer was gebraucht. Sei es das Gewerbegebiet am Rautenweg. Oder all die Wohnbauten rechts und links der Brünner Straße: Dort überall hatten früher die „Kommunalbauern“ ihre Felder bestellt. „Die Stadt wächst – und die Stadt muss gestalten können.“

Exporte bis nach England

Doch dieser Hintergrund hindert Podsednik keineswegs daran, nicht nur einen der größten Landwirtschaftsbetriebe von ganz Österreich zu führen – sondern auch einen der modernsten und zukunftsweisendsten. Das ist ein Unternehmen, in dem der Lindenhof mit seinen 150 Hektar schon „unser kleinster Betrieb“ ist. Allein die Stadtgüter Lobau und Eßling bewirtschaften 600 Hektar Ackerfläche in der Stadt – und waren gleichzeitig die Pioniere, als es galt, auf Biolandbau umzusteigen. Jetzt werden dort 1,5 Millionen Kilogramm Biogetreide geerntet – und 900.000 Kilo Bio-Erdäpfel. In einer Qualität, die bis nach England verkauft wird – und die Briten gelten als besonders heikel, wenn’s um die Knolle geht.

Bio, das heißt etwa auch, dass vor der Ernte erst einmal der Häcksler übers Feld fährt, um das Kraut zu beseitigen – in einer konventionellen Produktion erledigt das die Chemie. Das Um und Auf im Biolandbau „ist aber der Boden. Wenn der nicht passt, passt gar nichts“, weiß Podsednik. Da hilft es natürlich auch, dass die Stadt ihren Kompost selbst produziert – und kontrolliert. Von der MA 48 kommt da nur die Qualität A und A+.

Sonnenblumenöl als Sprit

Nach der großen Bio-Offensive lautet die Zukunft für Podsednik nun: Energie. In der Außenstelle Laxenburg etwa sollen Sonnenblumen auf rund 100 Hektar Anbaufläche jenes Öl produzieren, das dann für den Fuhrpark und die Blockheizkraftwerke der Wiener Landwirtschaftsbetriebe verestert werden kann. Möglichkeiten gäbe es da viele – bis hin zu „Energiegras, das zu Pellets verarbeitet werden kann“.

Damit für die Landwirte mit Energieerzeugung zumindest ein Nebeneinkommen gesichert werden kann, „braucht Brüssel nur den Schalter mit den Förderungen umlegen“, argumentiert Podsednik. Seit er den Betrieb vor gut fünf Jahren übernommen hat, wird ständig erneuert und angepasst. „Gezielte Investitionen“ seien das, erläutert Wiens größter Bauer. Beispielsweise die alte Kaserne, in der die Zentrale der Stadtgüter Lobau und Eßling untergebracht ist. 40 Jahre war hier nichts geschehen – jetzt sind die ehemaligen Gebäude der Dragoner und Ulanen wieder auf Vordermann gebracht. Gas, Strom, Kanal, Wasser – aber auch die Siloanlage für Getreide, die neu verrohrt und mit einer modernen Steuerung versehen wurde. Oder die neue, große Maschinenhalle, in der endlich zeitgemäß gearbeitet werden kann.

Wobei aber Technik helfen soll, Abläufe einfacher und effizienter zu gestalten. Manchmal sind es auch ganz andere, einfache Lösungen, die gefunden werden: Bei der Wiesenpflege in der Lobau etwa. „Da will man immer mehr Wiesen – aber das ist ja nicht sinnvoll, das ständig niederzumähen.“ Also weiden dort jetzt zehn Kühe, zehn Kälber und ein schon älterer, aber ab und an immer noch aktiver Bulle.

Historischer Betrieb

Dass Podsednik einen derartigen Betrieb wie die Güter der Stadt Wien in Schuss bringen kann, hat er schon längst bewiesen – am Weingut Cobenzl. Das feiert im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag. Und als es Podsednik im Jahr 1988 übernahm – war es im Wesentlichen der „historische Betrieb“.

Seither blieb dort kein Stein auf dem anderen – und keine Dopplerflasche in der Abfüllanlage. Zunächst einmal die Qualitätsoffensive in den Weingärten selbst – und vor allem „gezielte Investitionen“: Derzeit werden gerade der neue Flaschenkeller und das Presshaus fertig gestellt. Ein moderner Betrieb – in dem auch entsprechende Qualität entstehen kann. Fünf-, sechsmal schon wurden die „Kommunalweine“ vom Cobenzl Landessieger. Und sein Weißburgunder heuer sogar Salon-Bundessieger. Nicht nur das: Auch in der Kategorie der „Salon-Auserwählten“ wurde der Cobenzl heuer ausgezeichnet.

Hochzeit auf dem Berg

Kein Wunder also, dass dort sichtlich Podsedniks Stolz aufblüht, wenn er durchs Weingut führt. Immerhin ist „sein“ Cobenzl inzwischen nicht nur einer der modernsten Weinbaubetriebe, sondern auch eine der beliebtesten Hochzeitslocations der Stadt. Und auch hier wieder das Energiethema: Nicht nur, dass schon mithilfe der Sonne Wärme erzeugt wird – und damit rund 30 Prozent des Gasverbrauchs eingespart werden –, im Herbst geht dort oben über Wien auch eine der größten Fotovoltaik-Anlagen Österreichs ans Netz. Podsednik selbst will über das, was er tut, nicht zu viel Aufhebens machen. Er sieht das alles eben relativ nüchtern. Eines ist ihm aber wichtig: „Wir schauen schon, dass wir was Gscheits machen.“ (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 29.08.2006)

  • Thomas Podsednik in "seinen" Weingärten auf dem Cobenzl: Er ist sozusagen Wiens größter Bauer

    Thomas Podsednik in "seinen" Weingärten auf dem Cobenzl: Er ist sozusagen Wiens größter Bauer

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