Eine Abfertigung für den Finanzchef, ein üppiger Beratervertrag und Kündigungsschutz für einen FPÖ-Funktionär - im Forschungszentrum Seibersdorf wächst die Unruhe
Wien - Im Zuge der Suche nach den Verursachern für die Finanzkrise im Forschungszentrum Seibersdorf sickern auch ungewöhnliche Details über Auftragsvergaben und Verträge in Österreichs größter außeruniversitärer Forschungseinrichtung durch.
Abfertigung für Krünes
Während 80 bis 100 Beschäftigte angesichts des Finanzlochs - heuer müssen zwei Millionen Euro eingespart werden, 2007 acht bis zehn Millionen - um ihre Arbeitsplätze zittern, soll der bis September interimistisch verlängerte kaufmännische Geschäftsführer, Helmut Krünes, ein Jahresgehalt Abfertigung bekommen. Obwohl er nur einen Vierjahresvertrag hatte und sein Vorstandsmandat nicht um eine weitere Funktionsperiode verlängert wurde, wie ein Insider anmerkt.
Ein hochrangiger Eigentümervertreter im Infrastrukturministerium beziffert Krünes' Fixum mit 250.000 Euro pro Jahr, erfolgsabhängige Boni nicht inbegriffen. Krünes will dazu auf Standard-Anfrage keine Stellungnahme abgeben: "Für meinen Vertrag gibt es einen einzigen Ansprechpartner, das ist der Aufsichtsratspräsident."
Der heißt Rainer Wieltsch und ist aufgrund eines USA-Aufenthalts derzeit ebenfalls nicht erreichbar, wie es bei seinem ehemaligen Arbeitgeber ÖIAG am Montag hieß. Womit eine zweite Frage unbeantwortet bleibt: Was die Suche nach dem neuen Geschäftsführer deutlich teurer gemacht hat, als zum Zeitpunkt des Anbots im Frühjahr veranschlagt. Laut hohen Seibersdorf-Funktionären stellt die mit der Chefsuche beauftragte Personalberatung Egon Zehnder International für seine Leistungen 124.000 Euro in Rechnung, obwohl der Auftrag laut Anbot 25.000 Euro nicht überschreiten sollte. Man erklärt das im Infrastrukturministerium mit zusätzlichen Aufwendungen wie Sitzungen und Hearings, die vom Personalauswahlkomitee nachträglich verlangt worden seien. Bei Egon Zehnder International will die Differenz niemand aufklären. Geschäftsführer Philipp Harmer sei derzeit urlaubsbedingt nicht erreichbar.
Zwielichtige Auftragsvergabe
Ungereimtheiten vermutet man im Infrastrukturministerium nicht beim Umfang der Beraterleistung, sondern bei den Vergabemodalitäten durch den Aufsichtsrat. Auffällig ist, dass ein Anbot über 25.000 Euro nicht öffentlich ausgeschrieben werden muss, da Aufträge unter 30.000 Euro nicht der Ausschreibungspflicht unterliegen. Man habe eine Ausschreibung offensichtlich umgehen wollen und den Auftrag in Etappen vergeben. Fakt ist, dass die Überweisung des Honorars in den Austrian Research Centers (ARC) derzeit wie eine heiße Kartoffel herumgereicht wird. Dafür sei der Aufsichtsratspräsident zuständig, heißt es.
Für Unmut in der Belegschaft sorgt angesichts der angespannten Finanzlage der ARC-Gruppe darüber hinaus, dass die im Vorjahr installierten Geschäftsführer der ARC-Töchter Business Services und Seibersdorf Research teuer ausgekauft werden müssen. Während Konrad Freyborn vorzeitig ausscheiden und seine rechtmäßige Abfindung bekommen wird, soll Martin Graf als Ersatz für seinen noch drei Jahre laufenden Vertrag als Geschäftsführer der ARC-Business Services als Neo-Finanzprokurist für drei Jahre kündigungsgeschützt werden.
Das sei angesichts möglicher Kündigungen ungerecht, sagen Rechtsexperten, werde aber nicht zu verhindern sein. Andernfalls müsse man dem ehemaligen FPÖ-Wissenschaftssprecher seinen laufenden Vertrag auszahlen.
Verlieren könnte Seibersdorf demnächst einen Gesellschafter: Plansee wälzt Pläne, auszusteigen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD Printausgabe 29.08.2006)