Das ewige Nummerngedächtnis

28. August 2006, 20:47
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Längst vergessene Freunde könnte I.s Hand blind wählen – aber Nummern, die man täglich braucht, weiß kaum jemand mehr auswendig

Es war am Freitag. Da rief I. an und hatte eine, wie sie etwas kleinlaut einräumte, etwas blöde Bitte: Ich möge ihr ihre Telefonnummer sagen. Verraten. Oder vorlesen. Weil die doch, wenn ich mich schon nicht erinnern könnte, auf dem Display vor mir stehen müsse. Ja, das sei ein bisserl komisch aber, hoffte sie, ich würde das verstehen.

Ich hatte von I. seit Jahren nichts mehr gehört. Und das ist weder gut noch schlecht. Das hat sich so ergeben. Früher, da waren wir in der selben Clique. Und hatten Ewigkeiten miteinander verbracht. Aber das war, sagte I. am Telefon, eben auch eine Ewigkeit her: Damals hatte niemand ein Handy. Man telefonierte von daheim oder von Telefonzellen aus – und, kam I. auf den Punkt, wusste Telefonnummern auswendig.

Handy verlegt

Die Sache, erklärte sie dann, sei nämlich die: Sie müsse jetzt ihren Freund anrufen. Eigentlich eine simple Sache, sagte I. Ich nickte akustisch und verstand Bahnhof: Nicht, dass ich mich nicht freue von ihr zu hören – aber was hätte das mit mir zu tun? I. erklärte: Sie habe ihr Handy verschmissen. Oder es sei gestohlen. Egal. In jedem Fall sei das Ding weg – und das sei schlecht: Sie könne ihren Freund jetzt nicht anrufen.

Ich staunte: Das könne ich mir nicht vorstellen. Aber I. hatte mit diesem Einwurf gerechnet: Ich solle ihr rasch, also aus dem Gedächtnis, die Mobiltelefonnummern meiner Mutter, die meines Fotografen und die Festnetznummer von A.s Arbeitsplatz runterbeten. Sie sei, sagte I., sicher, dass mir das nicht gelingen würde.

Idiotengefühl

Sie sei sich, setzte sie – ohne eine Antwort abzuwarten - ,zunächst ja auch wie eine Idiotin vorgekommen: In ihrer Wohnung stehe noch immer ein Festnetzapparat. Aus Liebe zur Oma: Die traue Mobiltelefonen nicht, fürchte die Gesprächskosten – und weigere sich, Handytelephonate länger als eine Minute dauern zu lassen. Weil sie aber einsam sei und gerne plaudere ... aber, meinte I., sie schweife wohl ab. In jedem Fall gäbe es genau einen Menschen, der sie am Festnetz anrufe: Oma. Und damit das ganz klar sei (und aus ein paar anderen Gründen auch), sei das mittlerweile eine Geheimnummer

Jedenfalls sei sie da mit dem Hörer des alten Komforttelefons – ein hübscher Terminus übrigens, lachte I. bevor sie weiter erzählte – in der Hand da gestanden und habe nicht weiter gewusst: Die Auskunft würde ihr nicht helfen. (Welche Nummer hat die eigentlich?). Aber da war auch sonst keine Nummer in ihrem Kopf. Und auch das Bankomatkartencode-Erinnerungsspiel, also der Finger-über-den-Zahlenblock-gleiten-lassen-ohne-dabei-zu-denken-Trick, habe nichts gebracht: Ihr Kopf und ihre Finger hätten, sagte I., ihren ersten Liebhaber, alte Freundinnen und diverse Uralt-WGs problemlos angewählt – aber den Mann, mit dem sie seit mittlerweile vier Jahren zusammen lebe, hätte sie jetzt wohl verloren. (Und sie habe keine Ahnung, wo er die Telefonrechnungen bunkere) Pause. (Ok, „verloren“ sei wohl überzogen: am Abend würde er, räumte I. ein, hoffentlich schon Hause kommen.)

Letzte Hoffnung

Sie habe dann ein paar alte WG-Nummern auf gut Glück probiert. Aber keine der alten Festnetznummern sei noch aktiv gewesen. Dann sei ihr Blick auf die Zeitung vor ihr gefallen. Diese Nummer stehe ja im Impressum – und deshalb, schloss I., sei sie nun eben bei mir gelandet. Ob ich ihre Nummer wüsste?

Ich staunte – und realisierte erst jetzt, dass ich schon vor dem Abheben gewusst hatte, dass da I. am anderen Ende der Leitung sein würde: Die Nummer im Display meines Apparates übersetzt mein Kopf immer noch in I.s Namen. Und diese Nummer könnten meine Finger wohl noch wählen, wenn man mir die Hand abhacken würde – und zwar sowohl auf Tasten- als auch Wahlscheibenapparaten. Ich habe zwar keine Ahnung mehr, welche Augenfarbe I. hat oder ob sie immer noch Salzstreuer aus Bars mitgehen lässt - aber ihre Festnetznummer werde ich nie vergessen Erinnerung. Prägung. Routine. Was auch immer

Wahlwiederholung

Aber A.s Büronummer? Dritte Kurzwahltaste in der Redaktion, die zweite am Handy - oder die Wahlwiederholung. Allerdings, fiel mir da ein (und ich fühlte mich beinahe ertappt), wusste ich tatsächlich noch die Telefonnummern der meisten Mädchen auswendig, bei denen mir als Halbwüchsiger dann immer die Worte im Hals stecken geblieben waren.

I. lachte. Und bedankte sich, als ich ihr ihre Nummer das zweite Mal runtergeratscht hatte (das erste Mal war zum Mitschreiben zu schnell gewesen, ich hatte im Wahltippstakkato – auch so ein Trick, mit dem man sich früher Nummern gemerkt hatte - gesprochen) – dann wollte sie auflegen. Ich erhob Einspruch: Wie sie mit dieser Info nun ihren Freund anrufen wolle? Ach, sagt I, das sei einfach: Er habe dieselbe Nummer wie daheim das Festnetz – nur eben als Handynummer. Wobei – sie stockte – sie da jetzt auf die Schnelle gar nicht sicher wisse, bei welchem Provider. Vermutlich eh bei dem, bei dem auch sie sei würde sie jetzt einfach nach der Methode Trial & Error herausfinden.

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von Thomas Rottenberg

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