Abgründig wie das Meer: "Gogo no eiko"

20. Juli 2007, 16:45
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Triumph für den Komponisten Hans Werner Henze

Salzburg - "So lange die Sonne jeden Morgen aufgeht, ist die Welt nichts: ein Haufen Schmutz, den uns die Alten Tag für Tag vor die Füße kehren", singt der dreizehnjährige Noboru in Hans Werner Henzes Oper Gogo no eiko (Das verratene Meer). Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman des Japaners Yukio Mishima und erzählt von einer Jugendbande in Yokohama. Der Seemann Ryuji, Noborus künftiger Stiefvater, wird zum Tod verurteilt. Hat er doch das unendliche Meer für kleinbürgerliche Ideale aufgegeben.

Zehn Minuten Jubel, Applaus und Ovationen für Altmeister Hans Werner Henze im Großen Festspielhaus: Die konzertante Aufführung von Gogo no eiko anlässlich des 80. Geburtstages Henzes wurde zum Triumph für den Komponisten. Die Oper entstand 1988 und wurde nach einer wenig erfolgreichen Uraufführung 1990 ins Japanische rück¨bersetzt und 2003 in der Suntory Hall in Tokyo erneut uraufgeführt. Am Samstag erklang sie in einer, vom Dirigenten Gerd Albrecht angeregten, nochmals überarbeiten Fassung im Großen Festspielhaus in Salzburg.

Hans Werner Henze leuchtet die tiefschwarzen Abgründe in den Seelen der Jugendlichen mit dramatischem Klang- und Farbsinn aus. Immer wieder erinnert die Musik an Strawinsky oder Schostakowitsch. Aufregend in Henzes geradezu romantisch-opulenter Klangsprache sind die markanten Schlagzeug-Rhythmen, die für das Maschinenzeitalter stehen, aber auch der grandiose Bläsersatz, dessen Klangvolumen gezielt und dosiert eingesetzt wird. Nicht sehnsüchtige Butterfly-Idylle, sondern zerstörte Industrie-Landschaft ist der Hintergrund der Geschichte.

Gerd Albrecht dirigierte das Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai. Hervorragend in allen Partien das mit japanischen Künstlern besetzte Sängerensemble: Jun Takahashi als Sohn der Witwe, Teruhiko Komori als Chef der Jugendbande oder Tsuyoshi Mihara als Seemann Ryuji. - Ein fulminanter Geburtstagsgruß an einen Meister der Avantgarde. (Heidemarie Klabacher/ DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2006)

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