Vom Wundermittel zur Standardmedizin

22. Jänner 2007, 16:02
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Ist Kortison eine medizinische Wunderwaffe oder nur eine nebenwirkungs­reiche Notlösung? - Eine STANDARD-Diskussion

Der Endokrinologe Anton Luger sieht Kortison als potentes Medikament für viele Einsatzbereiche. Komplementärmediziner Leopold Spindelberger propagiert nebenwirkungsarme Alternativen und kritisiert die mangelhafte Aufklärung. Andrea Fallent moderierte.

STANDARD: Kortison wird seit seiner "Entdeckung" bei zahlreichen Erkrankungen eingesetzt. Was kann Kortison, wieso ist es ein derart beliebtes Medikament?

Luger: Der erste klinische Einsatz eines synthetischen Glukokortikoides an der Mayo-Klinik vor rund 60 Jahren kam einer Wunderheilung nahe. Eine Patientin, die wegen Polyarthritis ans Bett gefesselt war, konnte nach der Kortisontherapie aufstehen und nach Hause gehen. Nach und nach hat man dann erkannt, dass Kortison nicht nur Symptome lindern, sondern auch Krankheiten heilen bzw. in Akutfällen auch Leben retten kann kann. Heute gibt es fast keinen Teilbereich der Medizin, wo Kortison nicht mit Erfolg einsetzt wird.

Spindelberger: Nur hängt es eben davon ab, wie man es einsetzt. Schon Paracelsus hat gemeint: Die Dosis macht das Gift. Ein und dieselbe Substanz kann heilen oder auch schädigend wirken. Das sieht man eben auch beim Kortison.

STANDARD: Wann wird Kortison zum Segen? Wann zum Fluch?

Luger: Dazu muss man wissen, dass Kortison ja kein künstliches Molekül ist, sondern als körpereigenes Hormon der Nebennierenrinde, als Kor- tisol, in fast alle Stoffwechselvorgänge des Körpers eingreift. Als Medikament ist es sehr potent, es kann viele wünschenswerte, aber auch unangenehme oder gefährliche Wirkungen haben. Glukokortikoide wirken unter anderem hemmend auf das Immunsystem, was man sich beispielsweise nach Organtransplantationen oder bei Autoimmunerkrankungen zunutze macht, wenn sich das Immunssystem gegen die körpereigenen Zellen richtet. Kortikoide greifen aber auch in andere Regelkreise - zum Beispiel Kohlenhydratstoffwechsel, Fettstoffwechsel - ein, wo es zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe, Bluthochdruck, Dünnerwerden der Haut oder sogar Osteoporose kommen kann - aber nicht muss.

Spindelberger: Zusätzlich spielt Kortison eine wichtige Rolle beim Stressgeschehen und wirkt auch auf psychosomatischer Ebene. Das kann man sehr gut bei Neurodermitispatienten beobachten, die sehr sensibel auf jede Form von Stress und emotioneller Belastung mit Juckreiz und Kratzen reagieren.

Luger: Auf der anderen Seite lösen hohe Dosen möglicherweise Psychosen aus. Überhöhte Spiegel an körpereigenem Kortisol als Stresshormon finden sich auch bei exzessivem körperlichem Training, Alkoholismus, Magersucht und Depressionen - mit den entsprechenden Langzeitfolgen.

STANDARD: Viele Patienten stehen dem Kortison sehr ablehnend gegenüber. Ist diese ausgeprägte Skepsis denn gerechtfertigt?

Spindelberger: Wir Ärzte sind zum Teil selbst schuld daran, dass Kortison so ein schlechtes Image hat, weil wir die Patienten nicht genügend aufklären. Eine Mutter ist ganz enttäuscht zu mir gekommen, weil der Hautarzt ihrem Kind stillschweigend ein Rezept mit Kortison ausgestellt hat, obwohl sie das nicht wollte. Und das ist kein Einzelfall. Durch das große und sehr individuelle Wirkungsspektrum benötigen die Ärzte Zeit, um ihre Patienten über alle möglichen Wirkungen und Nebenwirkungen zu informieren - Zeit, die viele Mediziner nicht haben und von unserem Krankenkassensystem auch nicht honoriert wird. Ich erkläre in meiner Privatordination meinen Patienten ganz genau, warum es in schweren Fällen einfach nicht ohne Kortison geht, und diese Empfehlung wurde noch nie abgelehnt.

Luger: Die Angst wird zum einen durch einseitige Publikationen geschürt. Auch die Beipackzettel rufen häufig Bedenken hervor, weil da auch die seltensten Nebenwirkungen angeführt werden. Zum anderen sind die unerwünschten Effekte von Glukokortikoiden extrem gut sichtbar. Wenn eine hohe Dosierung über längere Zeit gegeben werden muss, verändert sich der Körper - und zwar so, dass es nicht nur der Patient, sondern auch die Umgebung bemerkt: Im Extremfall bekommt man ein aufgedunsenes Gesicht, einen dicken Bauch oder eine dünne Haut mit Rissen und Blutungen. Wenn man das in einer Ordination sieht, wird man als Patient natürlich abgeschreckt und hat Angst, bald genauso auszusehen.

Spindelberger: Es ist aber nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern auch ein medizinisches, wenn Osteoporose oder Magengeschwüre als Folge einer Langzeitbehandlung mit Kortison auftreten oder die Haut so dünn wird, dass sie zu bluten beginnt. Aus meiner Erfahrung könnte man viel von den Kortisondosen reduzieren, würde man auch komplementäre Heilmethoden in die Therapie miteinbeziehen. Andererseits gibt es natürlich lebensgefährliche Situationen, in denen einfach hoch dosiertes Kortison gegeben werden muss.

STANDARD: Kann man die Nebenwirkungen nicht von vornherein minimieren?

Spindelberger: Der Therapieerfolg hängt sehr vom vegetativen Gleichgewicht und der Ausgangslage eines Menschen ab. Wenn jemand ängstlich ist, dann ist das allein schon ein zusätzlicher Stressfaktor, der sich negativ auswirken kann. Die Traditionelle Chinesische Medizin oder auch die Homöopathie erkennen diese Phänomene und gehen damit individueller um als die klassische Schulmedizin. Das ist auch ein interessanter Ansatzpunkt für die Kortisontherapie.

Luger: Der Organismus ist eben keine Maschine. Patentrezepte gibt es bei Kortison nicht. Der eine Patient bekommt eine Dosierung, die er wunderbar verträgt, der andere entwickelt mit derselben Dosis enorme Nebenwirkungen. Wenn man in den Körper eingreift, kann man nicht immer sagen, wie er reagiert. Deshalb ist es nicht nur ein Teil der ärztlichen Kunst, die richtige Dosierung für den passenden Anwendungsbereich zu finden, sondern auch, den Patienten danach zu beobachten und zu kontrollieren. Das gehört zu den Spielregeln einer Kortisontherapie, die oft nicht eingehalten werden. Was nicht immer an den Ärzten liegen muss. Zusätzlich können bei einer Langzeittherapie aber medikamentöse Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, um Nebenwirkungen zu minimieren.

STANDARD: Müssen auch Patienten bei der Anwendung von Kortison Regeln beachten?

Luger: Gerade bei äußerlich anzuwendenden Kortisonpräparaten gibt es enorme Unterschiede in der Wirksamkeit. Wenn ich mir eine Salbe auf das Gesicht oder die Genitalien auftrage, wird diese um ein Vielfaches besser resorbiert als zum Beispiel an den Beinen. Bei unkontrollierter Anwendung können an diesen empfindlichen Stellen sogar irreversible Schäden der Haut hervorgerufen werden. Und genau aus diesem Grund gibt es verschiedene Dosierungen - "one size fits all" gilt gerade beim Kortison nicht. Bevor man eine übrig gebliebene Kortisonsalbe für eine andere Indikation wiederverwendet, sollte man sich unbedingt mit seinem Arzt beraten. Kinder sind sowieso ein Sonderfall, weil sie empfindlicher als Erwachsene reagieren.

Spindelberger: Ich hatte mehrere Kinder mit Neurodermitis in der Ordination, die auf dem ganzen Körper mit einem Kortisonpräparat eingeschmiert wurden, obwohl nur bestimmte Areale betroffen waren. Da kommen wir wieder zur Bedeutung der Aufklärung durch den Arzt zurück.

STANDARD: In welchen Bereichen könnte durch komplementärmedizinische Therapien Kortison eingespart beziehungsweise wenigstens reduziert werden?

Spindelberger: Bei vielen entzündlichen und allergischen Erkrankungen, wenn man die Ernährung, den individuellen Konstitutionstyp, die Psyche, das Stressgeschehen und die persönlichen Umweltfaktoren in eine ganzheitliche Therapie miteinbezieht.

Luger: Ich beschäftige mich nicht mit Komplementärmedizin, finde aber durchaus, dass es in diesem Sinne kein entweder Schulmedizin oder Alternativmedizin geben sollte, sondern ein konstruktives Miteinander zum Wohl der Patienten. Es gibt meiner Meinung nach aber Bereiche abseits von lebensbedrohlichen Situationen, wo es keine Alternativen gibt: neben der Transplantationsmedizin und chronisch entzündlichen Erkrankungen verschiedener Organsysteme zum Beispiel bei Patienten mit Lähmungserscheinungen aufgrund von Krebsmetastasen im Gehirn, die sich dank Kortison wieder bewegen können und so eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität erhalten.

STANDARD: Wie schätzen Sie den Stellenwert von Kortison in zehn Jahren ein? Wird es dann vielleicht weitere Alternativen geben?

Luger: Glukokortikoide werden in zehn Jahren sicher nicht verschwunden sein, weil es keine kortisonfreie Welt geben kann. Alternativen mit einem anderen Wirkungsmechanismus und einem besseren Verhältnis von erwünschten zu unerwünschten Wirkungen sind in der Entwicklung und werden auch einen zunehmend wichtigen Stellenwert bekommen.

Spindelberger: Ich hoffe auf eine Renaissance von Kortison, da ich es persönlich lieber in der Therapie einsetze als Alternativen, die erst kurz auf dem Markt sind und deren Langzeitwirkung man noch gar nicht genau kennt. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2006)

Zur Person

Leopold Spindelberger (49) ist Allgemeinmediziner mit Zusatzausbildungen in Arbeits-, Umwelt-, Ernährungs-, Notfallmedizin, Psychotherapie, Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM), Homöopathie, Neural- und Manualtherapie. Er leitet eine Privatordination mit Schwerpunkt TCM in Wien, gründete 1994 die Dr. Spindelberger & Co KEG für Consulting im Gesundheits- und Ernährungsbereich und 1998 "Mecosan" zur Erforschung ganzheitlicher Methoden.

Anton Luger (53) ist Facharzt für Innere Medizin sowie Additivfacharzt für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen, Nephrologie und Intensivmedizin. 1985 bis 1986 arbeitete er an den National Institutes of Health in Bethesda/USA. 1993 wurde Luger außerordentlicher Universitätsprofessor, seit 2005 ist er supplierender Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Klinik für Innere Medizin III in Wien.

  • "Wir Ärzte sind zum Teil selbst schuld daran, dass Kortison so ein schlechtes Image hat." Leopold Spindelberger (links)
"Glukokortikoide werden sicher nicht verschwinden, weil es keine kortisonfreie Welt geben kann." Anton Luger (rechts)
    foto: standard/regine hendrich

    "Wir Ärzte sind zum Teil selbst schuld daran, dass Kortison so ein schlechtes Image hat." Leopold Spindelberger (links)

    "Glukokortikoide werden sicher nicht verschwinden, weil es keine kortisonfreie Welt geben kann." Anton Luger (rechts)

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