
Christine Nöstlinger: "... und wenn das 'Großereignis' vorbei ist, werden vielleicht ein paar Menschen merken, dass es nötig gewesen wäre, sie vor sich selbst zu schützen."
Dass dem so ist, ist nicht sehr verwunderlich. Wir Medien-User haben schließlich ein langes diesbezügliches Training hinter uns, indem man uns zizerlweise den Respekt vor der Privatsphäre "öffentlicher Personen" so weit abgewöhnt hat, dass wir nur noch selten merken: Das hat mich aber wirklich nichts anzugehen. Uns geht schlicht und einfach alles etwas an!
Früher war die voyeuristische Lust der Menschen wesentlich bescheidener als heute, zu ihrer Befriedigung reichten die getuschelten Probleme aus der Nachbarschaft. Bei der Bassena, an der Straßenecke, im Wirtshaus, wohl auch im feinen Salon, erfuhr man alles über die Nachbarn, was einen wirklich nichts angeht, aber brennend interessiert.
Diese Sorte von Umfeld-Voyeurismus ist out. Die Bassenas gibt es nicht mehr, die Greißler auch nicht, Straßenecken sind kein Tratsch-Standplatz mehr, Nachbarschaftskontakte sind rar, wir wissen von einander fast nichts, können uns also auch nicht an dem delektieren, was rundum an Unerhörtem, Erstaunlichem oder gar Skandalösem passiert. Daher brauchen wir Ersatz, und den liefern uns die Printmedien und das Fernsehen. Und die liefern, da ihr Angebot freudig angenommen wird, im Interesse ihrer Auflagen und Einschaltquoten immer mehr und immer detaillierter, all das, was uns wirklich nichts angeht. Und passiert dann etwas Sensationelles, Schockierendes, für ein Normalhirn Unvorstellbares, steigert sich nicht nur die Lust aufs Alles-wissen-Wollen, sondern auch der medialen Dienstleister Drang, diese Lust zu bedienen und zu zeigen, dass man der Konkurrenz überlegen ist.
Da textete der Chefredakteur einer Tageszeitung, die sich für eine Qualitätszeitung hält, doch glatt "Warten Sie nicht, bis sie es woanders lesen können" und verweist hernach stolz darauf, dass sein Blatt bereits eine ganze Seite über das "Großereignis" , nämlich die Befreiung von Natascha Kampusch, brachte, während es zu diesem Zeitpunkt der Konkurrenz bloß 21 Zeilen auf Seite 13 wert gewesen sei.
Sogar der ansonsten seriöse Hörfunk verliert die Kontrolle über sich und stellt im "Mittagsjournal" Mutmaßungen über Sexualkontakte des Opfers zum Täter an. Und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf eine bildhübsche Polizistin, die einige Mühe hat, ihre Dialektgedanken hochsprachlich zu verbalisieren, emsig ausplaudern, was ihr Frau Kampusch anvertraut hat.
Seit geraumer Zeit reicht es ja auch nicht mehr, uns über da Tun und Lassen "öffentlicher Personen" zu informieren, sie sollen uns auch ihre Gedanken und Gefühle kundtun. Also fragt der ORF-Reporter den Vater der Entführten: "Was haben Sie gefühlt, wie sie erfahren haben, dass ihre Tochter lebt?" Und der Mann antwortet : "A Waunsinn!" Womit er allerdings nicht die Qualität der Frage gemeint hat. Ein halbes Dutzend Anrainer darf dann ebenfalls ihre Gefühle mit "A Waunsinn" kommentieren, und weil die Sendezeit noch reicht und die Mutter des Entführers anscheinend nicht bereit gewesen ist, über den Sohn zu reden, filmt der Kameramann halt ihr Gemeindebau-Briefkastel, und wir dürfen - weiß auf rot - ihren Familiennamen anglotzen.
Das alles lassen die Sendungsverantwortlichen im "Interesse der Öffentlichkeit" ohne schamrot zu werden durchgehen, und es steht zu fürchten, dass es bloß eine kleine Minderheit der Seher irritiert, während die Mehrheit auf "Fortsetzung folgt" wartet und unzulässige Indiskretion mit gutherziger Anteilnahme verwechselt.
Darauf zu hoffen, dass der unappetitliche Medienrummel bald ein Ende haben werde, ist leider nicht. Wenn Natascha Kampusch demnächst ihr "Versteck" verlassen und versuchen muss, sich im Leben wieder zurechtzufinden, wird es wohl noch grauslicher werden. Da kommen dann nämlich viel Geld für "Exclusiv-Interviews" und allerhand nicht aufgearbeitete Konflikte einer Patchworkfamilie ins Spiel, und moralfreie Journalisten können sich emsig daran bedienen.
Und hinterher, wenn das "Großereignis" wirklich nichts mehr hergibt und von den Medien - wie man so nett sagt - "gegessen" ist, werden ein paar Menschen merken, dass sie schamlos benutzt wurden und es nötig gewesen wäre, sie vor sich selbst zu schützen. Aber eine derartige Schutz-Instanz gibt es halt leider nicht. (Christine Nöstlinger*/DER STANDARD-Printausgabe, 28.08.2006)
von einer grad entkommenen , abgemagerten mit bleichen Gesicht , evt. blessuren, irgendwelchen Haaren zeigen die in Todesangst davon rennt.
Vielleicht darf sie sich mal erholen, Farbe zulegen, sich die Haare richten lassen, sich nett machen. Glaubst für eine Frau ist das ned wichtig?
Moralische Richter haben es schwer. Denn das Gewicht der geschwungenen Keule sollte etwa dem Gewicht der eigenen Biographie entsprechen. Das sehen wir an GG. Und zwar nicht am 17-jährigen, sondern am erwachsenen. Da habe ich gelernt, zeitgenössische Schriftsteller nicht mehr als moralische Autoritäten wahrzunehmen. Das übertrage ich jetzt auf CN: Ihre Bücher sind nett, ein bisserl penetrante Zeigefingerpädagogik gegen Erwachsene, aber bitte. Aber seitdem sie in den Medien bittere Tränen vergoss und nach Fassung rang, als ihr geliebtes Sowjetreich zu Boden krachte, sehe ich ihre sozial"kritischen" Aburteilungen mit anderen Augen.
Aber die Ideologie, die Nöstlinger da beweint hat, sind von gestern -- und daher keine Gefahr mehr. Derzeit beschäftigt uns der wildgewordene Kapitalismus, die bürgerliche Postenschieberei und die völlige Verblödung der Politik.
Nicht, dass es früher viel besser gewesen wäre. Die Haberei in Rot war auch kein Honiglecken. Doch die heutigen Gauner und Abzocker leben viel zu leicht, wenn wir immer noch die vergangenen Sünden abrechnen.
Artikel wie dieser können als Vorschläge gedeutet werden. Vorschläge zu moralischen Haltungen. In diesem Sinne sind sie diskutierbar und kritisierbar. Man kann sich mit ihnen auseinandersetzen. Ich tue das. (Manche können nicht lesen und glauben, sie hätten nur Literatur, Geschichterln vor sich ...)
Wenn ich geschrieben habe, dass ICH gelernt hätte, Schriftsteller nicht mehr als moralische Autoritäten anzuerkennen, dann war das eine Höflichkeitsfloskel, die Sie wörtlich genommen haben. Gemeint habe ich, dass am Beispiel des Günther Grass alle etwas hätten lernen sollen. Aber in dieser präpotenten Art wollte ich das nicht formulieren.
Übrigens: mehr Höflichkeit, so vorhanden, würde nicht schaden.
Dass Artikel wie diese als Vorschläge fungieren können haben Sie gut erkannt - nicht jedoch dass diese Vorschläge dann (auch) für sich selbst stehend erfasst werden können. Genauso wenig wie der geschriebene Wortlaut der großartigen und wichtigen Bücher von Günther Grass etwas von seiner 'Moral' verliert weil er seine SS-Zugehörigkeit zugegeben hat, genauso wenig verliert dieser Artikel durch eine angebliche "UdSSR-Betrauerung" seiner Autorin. Was hier steht, steht für sich, wenn Sie dem nicht zustimmen - argumentieren Sie dagegen. Aber versuchen Sie es nicht durch Desavouierung der Autorin, das haben Sie nicht nötig.
Kann sein. Kann aber auch sein, dass es nicht so ist und dass ich mich sehr wohl recht erinnere. Ich erinnere mich sicher nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber an den Sinn des Gesprochenen erinnere ich mich. Natürlich kann ich mich irren. Aber die bloße Möglichkeit des Irrtums beweist nicht, dass ich mich tatsächlich geirrt habe. Also Ihre Behauptung ist zunächst nichts anderes als ein Vorurteil, eine Unterstellung, eine Verleumdung. Also genau das, was Sie mir vorgeworfen haben.
Das individuelle Gedächtnis darf als Quelle genannt werden. Außerdem sind meine Angaben hinreichend genau, um weitere Recherchen anzustellen.
Übrigens, wie stehen Sie generell zu Aussagen von Zeitzeugen?
Sie hören sich an wie ein Suchender fremder moralischer Wertungen, um diese zu adaptieren.
Unabhängig der Person der Verfasserin ist der Inhalt des Artikels nach meiner persönlichen Wertung richtig. So einzigartig dieser Kriminalfall sein mag, so beschämend ist die mediale Aufbereitung. Die Medien und deren Konsumenten würden größtenteils freiwillig keine Grenzen ziehen, diesen Fall bis ins kleinste Detail aufzubereiten und einem Publikum zum lustvoll-schaudernden Konsum darzureichen.
zugegeben, ich hab mich selbst zu dieser ziemlich offensiven kategorisierung der beamtin durch frau nöstlinger geäußert, aber nun scheint sich das hier zum thema nummer eins zu entwickeln.
LUSTIG.
mir drängt sich nur die starke vermutung auf, dass nöstlinger uns diese herabwürdigende beschreibung erspart hätte, wenn die polizistin etwas 'schircher' wäre. dann würde die beamtin hier im forum auch nicht soviele sympathien bzw. antipathien ernten.
Jaja.... der FLUCH und SEGEN der Schönheit, wären wir doch nur alle nicht so oberflächlich....
Übrigens, mir gefällt die Polizistin auch gut ;-)
Die Polizei tritt eine Verfassungsbestimmung (Amtsverschwiegenheit) mit den Füßen, benützt dazu eine nicht der deutschen Hochsprache mächtige Polizistin (die wahrscheinlich wenig dafür kann). Und wo die Sprache verwahrlost, verwahrlost auch das übrige. Ein abgelutschter Satz, aber hier leider nur allzuwahr.
Heute entb...et sich ein hochrangiger Offizier desselben Vereines nicht, zu sagen, es sei ja nur ein persönlicher Erfahrungsbericht der Beamtin gewesen. Ich bin gespannt, was die User, die jetzt von Empfindsamkeit u. a. blöcken und muhen, sagen würden ,wenn ihr Ärzte "persönliche Erfahrungsberichte" ihrer Krankheiten in den Medien wiedergeben, auch wenn diese weiblich, schön oder sonstwas sind. BRAVO Nöstlinger.
Worums hier auch geht ist eine Rechtsgüterabwägung.
Unser Recht basiert im wesentlichen darauf, daß genau niemandem vorgeschrieben werden darf, was ihn zu interessieren hat und was nicht.
Öffentlichkeit ist weder gut noch schlecht, wir anerkennen sie als Fakt.
Alle Institutionen, Einrichtungen, usw. die wir kennen - auch Medien - sind erwachsen und erwachsen aus Öffentlichkeit.
Die Polizistin hat im wesentlichen die Unmöglichkeit es 'recht zu machen' genau getroffen - besser gehts nicht!
Daran kann sich auch Natascha Kampusch messen.
< Es geht hier nicht um interessieren
> Das sagen Sie, Interesse, an was immer hat jemand, oder eben nicht.
< sondern um das Eindringen in die Privatsphäre eines Menschen.
> hier wurde die Privatsphäre eines Menschen aufs äußerste verletzt, Beweggründe, Umstände, damit einhergehende Tatsachen sind außerordentlich interessant, das sage ich.
Tatsächlich leben wir in aller Öffentlichkeit - und haben Privatsphäre.
< Dazu hat kein Mensch ein Recht.
> Falsch, dazu hat sehr wohl jemand ein Recht, Sie (!) geben dieses Recht, es sei denn, Sie wollen für immer alleine und für sich bleiben.
< Das einzige Interesse der Öffentlichkeit besteht in der Aufklärung des Verbrechens. Das war's dann auch.
> Das dies nicht so ist, zeigt sich!
... die Juristerei ist nicht ihres. Informationsinteresse an Verhältnissen anderer ist vielleicht eine persönliche Schwäche vieler, aber keinesfalls ein Rechtsgut. Unser Recht basiert keinesfalls der Grundlage jemanden vorzuschreiben was in zu interessieren hat. Entschuldigen Sie, aber das ist Stuss. Unser Recht basiert auf dem kodifizierten Regeln die der österreichische Nationalrat bzw die Europäische Union gesetzt haben. Öffentlichkeit kann sehr wohl (und mit gut oder böse hat das überhaupt nichts zu tun) rechtswidrig sein.
Fakt bleibt: Gerade jene, die die Regeln einhalten sollten (die Exekutive) haben sie verletzt.
Schlimmer geht es nicht.
Sie sind also an der Juristerei interessiert.
Selbstverständlich können Sie sich dafür interessieren!
Und ich freue mich schon, wenn es mit der persönlichen Schwäche vieler ein End hat, und eine entsprechende Ordnung hergestellt ist.
Und es sowas wie einen Fall Kampusch nicht mehr gibt, weils eh des normale und rechtmäßige ist, so wie dort, wo die Mädchen ab dem Beginn der Pubertät ihre (ehelichen) Pflichten erfüllen, brav sind, fünf Schritte hinter ihrem Gebieter gehen, wenn sie überhaupt das Haus verlassen dürfen, und sich nicht einbilden sich für irgendwas geschweige denn irgendwen interessieren zu müssen. Weil sie erkannt haben, daß das eh keinen Sinn hat.
Weils nun mal so ist, daß sich die Trottel auf gutes Recht berufen.
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