[dag] WC-Surrealismus

6. Oktober 2006, 15:00
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Grundsatzerklärung an alle Lokalbesitzer und Raumgestalter, die ausgerechnet dort ihrer Fantasie freien Lauf lassen, wo eine solche absolut nichts verloren hat: Versteckt die Eingänge, verbarrikadiert die Küchen, tarnt den Weinkeller, verschweigt uns das Stüberl, schildert die Schank als Baderaum aus, nennt die Tische Stühle und die Kerzenständer Aschenbecher. Gestaltet die Speisekarten handschriftlich bis zur Unkenntlichkeit. Aber bitte: Ermöglicht uns den Zugang zu den richtigen Toiletten. Schreibt oder klebt auf die Türen groß, deutlich und leserlich DAMEN und HERREN drauf, ja auch FRAUEN und MÄNNER sollen uns recht sein, oder D und H. Aber stoppt den Surrealismus, hört auf mit minimalistischen Strichfiguren, verzichtet auf angedeutete Bärte und Lippen, auf skizzierte Hosen und Röcke, auf obskure Schuhe und Stiefeln, auf abstrakte Kurz- und Langhaarsymbole.

Denn wenn es einen Ort gibt, vor dem kein Zweifel darüber bestehen darf, dass es der passende (stille) ist, weil es vor ihm wie vor keinem anderen manchmal absolut keine Zeit zu verlieren gilt, dann ist es das WC. (Unlängst haben sie mich wieder auf der Damentoilette erwischt. - Peinlich.) (Daniel Glattauer/DER STANDARD, Printausgabe 28.8.2006)

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