Die Stressbalance kontrollieren

26. Juli 2007, 13:27
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Die Therapie bei Stresserkrankungen ist genauso individuell wie Symptomatik und Stressoren - Schlüsselwort: "Kontrolle"

"Gesundheit ist die Fähigkeit, trotz eines gewissen Maßes an Mängeln, Störungen und Schäden leben, arbeiten, genießen und zufrieden sein zu können." Für viele Menschen, deren Stressbalance aus dem Gleichgewicht geraten ist, klingt diese WHO-Definition nur nach Wunschdenken. Sie gehören nicht zur beneidenswerten Gruppe von stressresistenten Individuen, die trotz eines Zwölf-Stunden-Arbeitstages mit Rückschlägen und negativen Erfahrungen über unerschütterlich positive Überzeugungen verfügen und so ihre Stressreaktionen im Griff haben.

 

Stressmanagement

"Das Schlüsselwort lautet Kontrolle", meint Sabine Schonert-Hirz, Medizinerin und seit 20 Jahren eine gefragte Stressmanagment-Expertin. "Wer viele Kontrollerfahrungen macht, das heißt, wer weiß, was er zu tun hat, und überzeugt ist, damit den erwarteten Erfolg auch zu erreichen, wer alle Ressourcen der eigenen Person und der Umgebung nutzen kann, entwickelt Lebensmut, Selbstbewusstsein und eine innere Sicherheit." Fazit: "Fehlende Kontrolle lässt die Stressbalance verloren gehen."

Kontrolle übernehmen

Wie bekommt man die Kontrolle samt Stressbalance zurück? Nur durch konsequente Arbeit an sich selbst, so Schonert-Hirz. Weshalb sie als "Dr. Stress" bei ihren Vorträgen in Unternehmen und in ihrem aktuellen Buch "Meine Stressbalance - Rezepte für Vielbeschäftigte" keine Patentlösungen anbietet, sondern aufklären möchte, "wie man seine eigene Stress-Software richtig programmieren, seine Bedürfnisse erfüllen und langfristig Probleme lösen kann".

"Mehr als ein Psychotest"

Dass dazu mehr gehört als ein Psychotest à la "Welcher Stresstyp sind Sie?", betont auch Anton Leitner an der Donau-Universität Krems, wo Ärzte verschiedenster Fachrichtungen Zusatzausbildungen in psychosozialer Medizin absolvieren und so dazu beitragen, dass auch in einem starren Gesundheitssystem "immer mehr auf die Gesamtheit von Körper, Seele, Geist, sozialem Umfeld, genetischen Faktoren und persönlicher Vergangenheit" von Patienten eingegangen wird.

Paradebeispiel Bandscheibenvorfall

All diese Faktoren bestimmen nämlich, ob man mit den Stresssituationen klarkommt. "Bei Stresserkrankungen ist eine medizinische Manipulation zwar obligat, aber einfach zu wenig", resümiert Leitner. Psychosomatisches Musterbeispiel ist unter anderem der Bandscheibenvorfall, der oft auch Menschen ohne vorhergehende körperliche Dauerbelastung betrifft. "Durch die muskuläre Anspannung, etwa durch Angst in der Arbeit, wird über die Jahre die osmotische Ernährung der Bandscheibe herabgesetzt. Sie verliert dadurch mit der Zeit an Elastizität und wird sukzessive abgenützt. Letztendlich kommt es bei einer ungünstigen Bewegung zum finalen Bandscheibenvorfall, der einer intensivmedizinischen Intervention bedarf. "Und im Anschluss auch ein Aufklärungsgespräch über mögliche psychosoziale Komponente beinhalten sollte", meint Leitner.

Vorsorge

Oft ist diese Information noch eine Holschuld des Patienten. Wer also nicht bis zum nächsten Bandscheibenvorfall, Herzinfarkt oder Burn-out-Zusammenbruch warten will, kann sich bei den Ärztekammern oder beim "Netzwerk Psychosomatik" über niedergelassene Mediziner mit psychosozialer Zusatzausbildung informieren - und hoffentlich wieder Kontrolle in sein vom Stress beherrschtes Leben bringen. (DER STANDARD, Printausgabe, anfa, 28.8.2006)

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