Die Poesie des Baumarkts: "La finta giardiniera"

20. Juli 2007, 16:45
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Zum Kehraus des Salzburger Mozarttheaters warten die Festspiele mit einem erheiternden Aufguss auf

... den das Publikum mit Beifall sehr goutierte.

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Salzburg - Allmählich kommt die Salzburger Mozartmaschine nun ja doch zum Stillstand. Zu guter Letzt hat man mit ihrer Hilfe im Landestheater rasch noch drei Exemplare jener Produktion von La finta giardiniera herausgestampft, deren Prototyp schon im Jänner anlässlich der Salzburger Mozartwoche angefertigt wurde. Mit dem Erwerb der Eintrittskarte zu den noch für Dienstag und Donnerstag geplanten Aufführungen erwirbt sich der Festspielgast fast drei Stunden unbeschwertes, doch nicht minder niveauvolles Schau- und Hörvergnügen.

Das läppische Spielchen gemutmaßt, das der 19-jährige Mozart in den kalten Wintertagen des Jahres 1774 zunächst von Fieber geschüttelt und danach auch noch von Zahnschmerzen gepeinigt in München für die im Jänner darauf mit Jubel aufgenommene Uraufführung fertig gestellt hat, ließe solches an sich kaum erwarten.

Doch von all diesem Ungemach lässt sich diese in jedem Takt erstaunliche Musik freilich nichts anmerken. In ihrer lebhaften, Melodien sprühenden Heiterkeit wird sie kraft der Klarheit, mit der sie das amouröse Labyrinth der Handlung ausleuchtet, zum eigentlichen Spielmacher. Und das ist gut so. Denn in diesem Hin und Her der ständig wechselnden Neigungen, die sich in der Belegschaft und im Umfeld einer Gärtnerei ergeben, kennt sich ohnedies keiner aus. Und dies trotz einiger Diagramme, in dem im Programmheft Akt für Akt der jeweilige Stand der Tände- und Liebeleien darzustellen versucht wird.

Hilfreicher als die Diagramme sind da schon Doris Dörries flapsig originelle Inszenierung und vor allem auch die vom filmerfahrenen Szenografen Bernd Lepel. Man möchte es gar nicht für möglich halten, wie gern man fast drei Stunden lang in eine an sich ja ziemlich abturnende Gartenabteilung eines Baumarktes schaut.

Man merkt gleich, da ist eine Allrounderin am Werk, die szenische Abläufe teils mit der wendigen Schnitttechnik des Filmes belebt, um sie gleich danach wieder idyllisch zu beruhigen.

Da lösen sich Wände wirbelnd in ihre Einzelteile auf und geben den Blick frei auf eine monströse Turteltaube, auf der eine Gestalt über die Bühne zieht. In sensibler von Beate Vollack bewerkstelligter choreografischer Abstimmung mit der Musik verneigen sich Thujen, wandern Zypressen und verschwinden Akteure in bizarren Rasenarrangements. Im Verein mit der Musik weckt diese Inszenierung das schier unerschöpfliche poetische Potenzial eines nüchternen Baumarkts.

Das gelingt aber freilich nur dann in einem solchen Ausmaß, wenn die Wiedergabe der Musik dazu wie im Fall des Mozarteum Orchesters unter Ivor Bolton die entsprechende Grundlage liefert. Sie wollte nichts beweisen und war mit sich selbst in unbeschwerter Harmonie.

Das muss jedoch keineswegs harmlose Unverbindlichkeit zur Folge haben. Vielmehr hat Bolton durch permanente Wechsel in Dynamik, Tempo und im Mix der Klangfarben die Musik zu einem klingenden Spiegel der szenischen Vorgänge gemacht. Ein durchwegs bravouröses Ensemble brachte diesen dann vollends zum Leuchten. Alexandra Reinprecht wartet als Titelheldin mit bravourösen Koloraturen auf, mit denen auch ihr tenoraler Partner John Mark Ainsley als Belfiore nicht geizt. Doch mittelfristig hat auch der Chef der Abteilung, Don Anchise (John Graham-Hall), ein Auge auf sie geworfen, was die in diesen verknallte Serpetta (Adriana Kucerova) wieder in von Sopranbrillanz geprägte Raserei versetzt.

Dass Roberto (Klaus Werba) mit kultiviertem Bariton um sie wirbt, ist kein Trost für sie. In der Hosenrolle des Ramiro glänzt Ruxandra Donose. Sie hat nach der von Véronique Gens so stilsicher gesungenen wie burschikos gespielten Arminda zu schmachten. Dass es am Schluss ein Happyend gibt, ist im Hinblick darauf, dass der ganze Abend happy ist, dann gar nicht mehr so wichtig. (Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2006)

  • Von der (Männer-)fleischfressenden Venusfalle im Baumarktgarten geschnappt: Belfiore (John Mark Ainsley). Studiert von Arminda (Véronique Gens) in der Inszenierung von Doris Dörrie, die Mozarts Oper zu einem dreistündigen Vergnügen werden ließ.
    foto: christian schneider

    Von der (Männer-)fleischfressenden Venusfalle im Baumarktgarten geschnappt: Belfiore (John Mark Ainsley). Studiert von Arminda (Véronique Gens) in der Inszenierung von Doris Dörrie, die Mozarts Oper zu einem dreistündigen Vergnügen werden ließ.

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