Biologisch-dynamischer Weinbau im Strandflitzer

25. August 2006, 20:32
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Stefan Hajszan will als Quereinsteiger frischen Wind in den Wiener Weinbau bringen

Wien - Stefan Hajszan scheint immer wieder das Unmögliche zu reizen - und dann geht's relativ schnell dahin. Als er 1995 mit dem Universitätsbräuhaus im Alten AKH begann, war das im Grunde nur eine bessere Baustellenlabung. Ein paar Miettische und ein paar Holzspitzhütten wie beim Silvesterpfad - aber der Betrieb konnte beginnen. Drei Jahre später sah das Universitätsbräu bereits aus wie jetzt.

Wieder zwei Jahre später bekam Hajszan etwas von Stammgästen geschenkt. Zwei ältere Damen waren das, die überließen ihm - einen Weingarten. "Weinlastig war ich immer schon", erinnert sich Hajszan, "der Loimer Fred und der Tscheppe"; die seien schon lange seine Freunde - und sein Vater hatte in Unterloiben in ehemaligen Zisternen einen Weinkeller eingerichtet. Also legte sich Hajszan ins Zeug, und da es keine halben Sachen bei ihm gibt, werkt der Quereinsteiger bereits auf 14 Hektar in Wien, die er nach und nach übernommen hat.

Biologisch-dynamisch

Und dann kommt noch etwas dazu, was immer noch viele andere im Weinbau als "unmöglich" bezeichnen: "Ich hab heuer auf biologisch umgestellt", berichtet der Wiener Neo-Großwinzer. Und damit es noch mehr Spaß macht - auch wenn's nie auf den Etiketten stehen soll: auf biologisch-dynamisch.

Grundsätzlich heißt's bei Biowein: "Intensiver am Laub arbeiten." Und dann gibt's bei der biologisch-dynamischen Arbeit deutlich mehr Spritzungen. Aber eben keine Giftmischungen, sondern da wird mit Tees und homöopathischen Präparaten gefahren. Da werden Schafgarbe, Kamille oder Brennnessel aufgekocht.

Auch wenn man's "ganz ohne Kupfer und Schwefel nie ganz schaffen wird", wie Hajszan zugibt: "Das wichtigste Ziel ist es, dass der Weingarten sein eigenes Immunsystem wieder aufbauen kann." Da sind Nützlinge wie Spinnen unterwegs - und da wachsen zwischen den Weinstöcken Buchweizen und Kleesorten. "Was der Wein dem Boden entzieht, muss man gezielt wieder hineinbringen."

Den bisher größten Erfolg erlebte Hajszan heuer: "Dieses extreme Wetter - erst so lange kalt und nass, dann die unglaubliche Hitze - und wir haben trotzdem keinen einzigen Schädlingsbefall." Damit das Spritzen so richtig Spaß macht, hat sich Hajszan einen Quad (einen richtigen Strandflitzer) umbauen lassen. "Wenn ich mit dem um vier in der Früh durch die Weinberge fahr - das ist einfach geil."

Modernes Gutshaus

Derzeit ringt Hajszan allerdings schon wieder mit noch so einem "unmöglichen" Projekt: "Mein Ziel ist es, ein modernes Weingut in Wien zu machen, das nicht im Ensembleschutz versteckt ist." Und das ist für Wiener Verhältnisse ein wahrlich ungeheures Ansinnen. "Natürlich wohnen da zwei Seelen in meiner Brust", bekennt Hajszan. "Wenn man da nicht höllisch aufpasst, steht hier am Nussberg nur noch eine Bonzenvilla neben der anderen." Aber andererseits "geht's hier ja nicht um eine ,dritte Fruchtfolge'", wie das Umwidmen von Agrarflächen in Bauland gerne genannt wird, "sondern einzig und allein um ein reines Gutshaus". Und zwar eines, für das die Architekten Delugan Meissl einen Entwurf erarbeiten.

Wird so etwas in einem anderen Bundesland realisiert, dann feiern das die Wiener im Architekturmuseum in einer Ausstellung "Wein und Architektur". Ein Wiener war bei dieser Schau vertreten. Auch Rainer Christ aus Jedlersdorf hat in Wien zeitgemäß und für hiesige Heurigen-Verhältnisse modern-gewagt gebaut. Wie auch der Fritz Wieninger aus Stammersdorf - aber das alles nur unter der Decke des Ensembleschutzes, da muss man erst einmal wissen, dass es da versteckt etwas gibt.

Wenn man schon für den Erhalt der Kulturflächen kämpft, "muss man den Winzern schon auch anständige Arbeitsmöglichkeiten einräumen", grummelt ein prominenter Wiener Winzerkollege von Hajszan hinter vorgehaltener Hand. Und wenn einer 14 Hektar auf höchstem Bio-Standard übernimmt, dann braucht er eben auch eine vernünftige Infrastruktur.

Eines ist für Hajszan klar: Der Transport aller seiner Wiener Trauben nach Unterloiben, das kann's auf Dauer nicht sein. Und wenn er nichts in Wien realisieren kann - "dann muss ich halt wieder Flächen zurückgeben". So einfach ist das. Und schließlich hatte das alles auch mit einer einfachen Überlegung Hajszans angefangen: "Im Uni-Bräu hab ich ständig die Weine aus der Wachau gekauft - und hier in Wien verkommen die Weingärten & das kann's doch nicht sein." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 26./27.08.2006)

  • So macht das Spritzen mit Kamillentee gleich noch mehr Spaß: Neo-Winzer Hajszan in seinem umgebauten Quad
    foto: standard/fischer

    So macht das Spritzen mit Kamillentee gleich noch mehr Spaß: Neo-Winzer Hajszan in seinem umgebauten Quad

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