Seit Juni ist David unsterblich, denn seit Juni ist er in Kathi verliebt. Seit Juni hatte er sie nicht mehr gesehen. Seit Juni besitzt er ihre Telefonnummer. Seit Juni ruft er nicht an. (Angst vor dem Ende der Unsterblichkeit.)
Schlecken? Vor Kathis Augen?
Und dann das Drama auf dem Schwedenplatz. Es war eine dieser vom Zufall organisierten Zusammenkünfte auf offener Straße, die einem in wenigen Minuten die Jahresausschüttung von Adrenalin verdoppeln. Er sieht sie, wird rot, dreht sich weg. Sie erkennt ihn, geht auf ihn zu, sagt: "Hallo David!" Und wie sie ihn dabei ansieht. Er erwidert: "Hi", zumindest denkt er sich's, hörbar ist nur ein Glucksen. Sie: "Was treibst du so?" Er hebt lässig die Schultern. Sie senkt den Blick zu seiner Seite. Jetzt spürt er das Kribbeln in den Fingern. Da tropft etwas, Schoko oder Vanille. Kathi treffen und eine Eistüte in der Hand halten - brutaler hätte das Schicksal nicht kombinieren können. Was nun? Eis ignorieren? Verschwinden lassen? Verstecken? Oder gar - schlecken? Vor Kathis Augen? Niemals, lieber vor Liebeskummer sterben. Er: "Ich muss dann." Sie: "Klar, tschüss."
David schwört: Das war das letzte Eis seines Lebens. Und morgen ruft er Kathi an. Oder übermorgen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe, 26./27.08.2006)