Gemeckert wird nicht

28. August 2006, 17:55
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Geißentrekking ist der bislang angenehmste Weg, im Kanton St. Gallen Heidi zu suchen

Als Nino und seine fünf Kameraden an diesem sonnigen Sommermorgen vor das Haus kommen, lassen sie die Ohren hängen. "Sie freuen sich", sagt Sandra Egli, ihre Betreuerin und beginnt ihre "Buben" zu bürsten. Worüber sie sich freuen? Sie sehen die kleinen Packsättel auf dem Boden aufgereiht und wissen, dass heute wieder eine Trekkingtour angesagt ist.

Der Himmel spannt sich makellos blau über dem kleinen Dorf Amden im St. Gallerland, über die grünen Almen oben in der Höhe und die Berge drüben jenseits des Tales. Wir sind schon früh an diesem Morgen heraufgekommen vom großen Walensee, über dem die Sieben Churfirsten messerscharf aufragen, sind hinaufgefahren in das kleine Amden, das sich auf einer Wiesenstufe hoch über dem See ausbreitet.

Nino und seine fünf Kameraden Lupo, Scout, Bashi, Orkan und Linus sind Geißen, Ziegenböcke, kastriert und daher zahm und vor allem geruchsneutral. Die sechs Schweizer Bergziegen, braun, schwarz und gescheckt bilden angeblich die einzige Geißenherde im ganzen Alpenraum, die Bergwanderern auf Trekkingtouren Gepäck und Proviant tragen, so wie anderswo Mulis oder exotische Lamas.

Keine Heidi-Geißelung

Die Idee, Geißen als Packtiere auf Trekkingtouren einzusetzen, war ein Erfolg von Anfang an, bot sie sich doch geradezu von selbst an in einer Region, die seit fast zehn Jahren als "Heidiland mit der berühmtesten Kinderbuchfigur der Schweiz, mit dem Alpöhi, dem Geißenpeter und seinen beiden meckernden Freunden "Schwänli" und "Bärli" vor allem um Familien mit Kindern wirbt. So seien Kinder natürlich die begeistertsten Teilnehmer an Trekkingtouren mit der meckernden "Sechserbande". Dabei variiert Sandra Eglis Programm von kleinen, gemütlichen Touren bis hin zu mehrtägigen Wanderungen, bei denen in der Almhütte übernachtet wird. Kein Wunder, dass dieses Geißentrekking im letzten Jahr mit einem Tourismus-Innovationspreis ausgezeichnet wurde.

Wer mit den Geißen wandern will, muss natürlich auch selber mit Hand anlegen, den Tieren, die schon ungeduldig darauf warten, dass es los geht, die kleinen hölzernen Packsättel auflegen und festzurren, dann die Packsäcke, in die die Rucksäcke gesteckt werden und die Proviantkörbe für das Picknick auf den Packsätteln verstauen. Bis zu 30 Kilo kann eine starke Packgeiß bei solchen Touren tragen.

Sandra und ihr Partner Christian brauchen nicht viel zu sagen, als alles fertig ist und wir in die grünen Wiesen gleich hinter dem Haus hinein steigen dem Bergwald entgegen. Die Geißen brauchten nicht an der Leine geführt zu werden, versichert sie uns, die Tiere blieben hie und da stehen, um ein Maul voll frischen Futters zu rupfen. Dann würden sie uns aber immer folgen oder sich vordrängeln. Das macht vor allem Nino. Er ist der Boss der Gruppe und macht immer wieder von seinen schweren Hörnern Gebrauch, wenn ihm ein anderer Bock in die Quere kommt.

Nach einer knappen Stunde wird die erste Rast gemacht. Wir sind auf einem Aussichtsfelsen angekommen. Der Blick, den wir von dort oben genießen, ist atemberaubend. Tief unter uns zieht sich der fast 15 Kilometer lange Walensee hin. Ein paar Schiffe sind gerade noch wahrnehmbar. Dahinter bauen sich die Glarner Alpen auf, allen Silhouetten voran der mächtige Glärnisch mit seinen Gletschern.

Die Geißen haben natürlich mit der Fernsicht nichts im Sinn, sie rupfen sich das zweite Frühstück von einigen Büschen. Dann geht es weiter, in den Wald hinein, über Almwiesen, bis wir zur Mittagszeit gerade richtig an einer offiziellen Feuerstelle ankommen. Ein Feuer wird angezündet, und schon bald hält jeder von uns eine Cervelas, eine kleine, dicke Fleischwurst an einem Stecken aufgespießt über das Feuer, dass sich die eingeschnittenen Enden der Würste in der Hitze zu fantastischen Gesichtern verformen.

Geißentrekking ist wohl die reizvollste Möglichkeit tatsächlich einen Einblick in jene Region zu bekommen, die unter dem Markennamen "Heidiland" präsentiert wird. Das sich mit dem Mittelpunkt des Walensees, einem der schönsten und eindrucksvollsten unter den Schweizer Bergseen, zwischen dem alten Heilbad Ragaz, das einmal Weltruf hatte, und Ziegelbrücke hinzieht.

Kiwis für'n Churfirsten

Überrascht sind wir, als uns eins der kleinen Linienschiffe, die auf dem großen See unterwegs sind, von Weesen aus nach Quinten bringt und plötzlich ein winziges Dorf am Ufer auftaucht: Quinten, das hier am Fuße der markanten Churfirstenkette von Weinbergen umgeben ist, die sich steil gegen die Felswände hinan ziehen. Feigen reifen hier in den Gärten, Oliven und Kiwis. Nur rund 50 Menschen leben in dem winzigen Ort, vor allem vom Weinbau in einem Dörfchen, das nur zu Fuß oder mit dem Schiff zu erreichen ist. Eine Straße von Walenstadt aus in die Felswände gesprengt, seit vielen Jahren im Gespräch, wird es wohl nie geben. Der Bau wäre zu teuer für nur 50 Einwohner in Quinten.

Besuche auf Almen, über denen das melodische Bimmeln von Kuhglocken hängt, bringt die Möglichkeit in Schaukäsereien Almkäse zu produzieren. Doch das bedeutet nach einem halben Jahr wiederkommen zu müssen, erst dann ist der Käse ausgereift und kann abgeholt werden. Ob Familien mit Kindern dann wirklich noch den Besuch auf der Schwarzbüel-Alp einplanen müssen, wo ein "echter" Alpöhi seine Gäste mit Alphornklängen begrüßt und eine Pfanne mit deftigen Käsemakkaroni auftischt, muss jeder selbst entscheiden. Beim Wandern mit den Geißen jedenfalls käme man nie auf die Idee zu meckern, dass Heidi und ihr Geißenpeter besser Zeichen- als Marketingtrick bleiben sollten. (Christoph Wendt; Der Standard, Printausgabe 27./28.8.2006)

Info:
Heidiland

  • Die Idee, Geißen als Lasttiere zu benutzen, ist ja nicht ganz neu. In Vilters hingegen arbeiten die Tiere als Rasenmäher.
    foto: swiss-image.ch/ferienregion heidiland/christian perret

    Die Idee, Geißen als Lasttiere zu benutzen, ist ja nicht ganz neu. In Vilters hingegen arbeiten die Tiere als Rasenmäher.

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