"Dutroux in den Alpen" löst in Belgien Déjà-vu aus

5. Oktober 2006, 16:27
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Großes Medieninteresse am Fall Natascha -Viele Medien sehen Parallelen mit Serienmordfällen

Wie der Peiniger von Natascha Kampusch hatte auch der belgische Kinderschänder Marc Dutroux seine Opfer in einem weißen Lieferwagen entführt. Viele Menschen in Belgien sehen Parallelen zu ihrem nationalen Trauma. Aber der Vergleich zur Dutroux-Affäre, die das Land Ende der Neunzigerjahre erschüttert und in einer Regierungskrise gestürzt hatte, zeigt auch Unterschiede.

"Die Fotos im Keller von Wolfgang P. vermitteln ein Déjà-vu-Erlebnis", schreibt die Tageszeitung De Standaard. Der Fall Natascha erscheine auf den ersten Blick sogar wie eine Kopie der Entführungen von Dutroux, der 2004 in Arlon wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.

Ähnlichkeiten

Möglicherweise nahm sich Wolfgang P. sogar "das Monster von Marcinelle" zum Vorbild, kommentiert auch die Zeitung La Dernière Heure mit Hinweis auf den Ort des Schreckens im Süden Belgiens, wo Dutroux sechs Mädchen in einem Folterkeller gefangen gehalten hatte. Auch andere Parallelen gibt es. Beide Täter hatten ihr Versteck besonders gut getarnt. Dutroux war Elektriker, P. von Beruf Nachrichtentechniker.

Aber bei näherer Betrachtung zeigen sich massive Unterschiede. Der Österreicher wohnte nicht in einer heruntergekommenen Gegend, sondern in einem gepflegten Haus. Im Vergleich zu dem Loch, in dem der belgische Kinderschänder die beiden später befreiten Mädchen Sabine Dardenne und Laetitia Delhez versteckte, "hat das Versteck unter der Garage von P. fünf Sterne", kommentiert La Dernière Heure. Die belgischen Mädchen hatten zusammen gerade eine Fläche von zwei Quadratmetern zur Verfügung und mussten ihre Notdurft auf einem Kübel verrichten, ehe ihr Martyrium nach 80 Tagen ein Ende hatte.

Behördenversagen

Die Geschichte des Kriminellen Dutroux ist in Belgien auch eine des totalen Versagens der Behörden. Bis heute ist das Land darüber gespalten, ob er seine Verbrechen im Auftrag "höherer Kreise" verübt hat. Wie auch P. entkam Dutroux dem Netz der Fahnder, aber in Belgien war das nicht aus Mangel an Beweisen, sondern einfach ein Ermittlungsfiasko. Deshalb schreibt De Standaard, dass der Fall Kampusch " ein klein bisschen Dutroux in den Alpen" sei. Rein physisch, so spekulieren belgische Medien, gleiche Nataschas Entführer eher dem französischen Serienmörder Michel Fourniret.

2005 hatten die Behörden prüfen lassen, ob es im Fall Kampusch eine Verbindung mit dem mittlerweile hinter Gittern sitzenden Fourniret gab - ohne Ergebnis. Kommissar Alain Remue sieht in Nataschas geglückter Flucht einen Hoffnungsschimmer. "Man darf nie aufgeben", sagte er der Zeitung La Meuse. Allzu viel Hoffnungen will er Eltern von vermissten Kindern aber nicht machen: "Die Kinder werden gewöhnlich Stunden nach ihrer Entführung umgebracht." (APA, DER STANDARD Printausgabe, 26./27.08.2006)

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