Die Kunst der Theaterfuge: "Mitridate, re di Ponto"

20. Juli 2007, 16:45
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Wiederaufnahme im Residenzhof als musikalisch wie szenisch profunde Arbeit - ein Glanzabend

Wiederaufnahme von Mozarts "Mitridate, re di Ponto" bei den Salzburger Festspielen im Residenzhof. Die musikalisch wie szenisch profunde Arbeit beschert den Festspielen einen Glanzabend.


Salzburg – Man stelle sich eine Art liebe Familie vor und imaginiere das gruselige Gegenteil. Flugs hat man jenes Milieu vor sich, das Mozart beim Libretto zu "Mitridate, re di Ponto" zu musikalischer Gestalt zu formen hatte. Er war 14, erhielt in Mailand einen ersten Kompositionsauftrag. Doch Amadeus war wohl nie 14, um einen Spruch von Harnoncourt abzuwandeln. Denn ein 14-Jähriger hätte sich vor dieser innerfamiliärer Grausamkeit und Kaltschnäuzigkeit eigentlich fürchten müssen:

Mitridates Söhne, miteinander durch unherzlichste Abneigung verkettet, wollen Papa, den sie tot wähnen, beerben; auch die Verlobte des plötzlich auftauchenden Alten wird begehrt. Der Ausweg: Mitridate, der zerzauste Feldherr, will den Nachwuchs, ob so viel Talent zu Illoyalität, beseitigen. Nun ist dem Cocktail des charakterlich Zweifelhaften durch die Musik eine Darstellung zuteil geworden, die abseits der Aburteilung zu jenen Tiefenschichten vordringt, welche ein komplexes Fundament aus Figurenwünschen und -Ängsten sichtbar machen, auf dem die böse Oberfläche steht.

Die Seria-Konventionen und der Zwang zur finalen Wendung ins Vergebende und Gütige, das hier einem sich selbst ins Jenseits befördernden Mitridate vorbehalten bleibt, helfen einem scheinbar 14-Jährigen paradoxerweise, diese Ambivalenz und den Wandel der Personen auszuarbeiten. Für einen Regisseur ist Mozarts differenzierender Zugang natürlich ebenso hilfreich.

Nur bei den Arien, mit ihren Wiederholungen und der koloraturprallen Epik, ist ideenreiche szenische Vorsicht geboten. Da ist Günter Kremer jedoch Elegantes gelungen – in der Kombination aus Raumlösung, orchestraler Qualität und profunder Sängerarbeit.

Die räumliche Komposition beinhaltet eine kleine Rampenspielfläche, hinter der flexible Wände stehen. Die Enge wird durch einen über der Bühne schwebenden schrägen Spiegel, der die Vorgänge hinter der Bühne als zweite Ebene transparent macht, gleichermaßen aufgelöst wie verdichtet. Es ist eine optische Fuge geworden, die eine szenische ermöglicht hat, mit Tänzern, die in Rokoko-Kostümen Leidensrituale absolvieren.

Auch an der Rampe alles andere als Rampentheater: Richard Craft (delikat und intensiv als Mitridate), Netta Or (profund als Aspasia), Ingela Bohlin (solide als Ismene), aber vor allem Miah Persson (virtuos bei Koloratur und Ausdruck als Sifare) und Bejun Mehta (überzeugend auch in den intimen Momenten als Farnace) lassen lebendiges Theater entstehen, unterstützt durch die Musiciens du Louvre – Grenoble unter Marc Minkowski.

Opulent und schlank ist der Klang. Je nach Bedarf. Ein präzises, beredtes Gestalten regiert, das jeder Note Gewicht verleiht und die Musik regelrecht befreit. Der Dank für diesen Salzburger Glanzpunkt gilt auch dem kooperierenden Musikfest Bremen. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.8.2006)

  • Das Meisterwerk eines 14-Jährigen, meisterlich auf die Bühne gebracht: Mozarts "Mitridate, re di Ponto" in Salzburg mit Bejun Mehta (Farnace, li.) und Miah Persson (Sifare).
    foto: salzburger festspiele

    Das Meisterwerk eines 14-Jährigen, meisterlich auf die Bühne gebracht: Mozarts "Mitridate, re di Ponto" in Salzburg mit Bejun Mehta (Farnace, li.) und Miah Persson (Sifare).

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