Songs, best of

29. November 2006, 15:27
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Sie ist eine Visionärin der Mode und eine Wiener Institution: Jetzt eröffnet Myung-Il Song am Beginn der Praterstraße einen prächtigen Modetempel samt eigenem Ausstellungsraum

Mode, sagt Myung-Il Song, muss radikal sein, sie muss Tiefe haben und eine ganz eigene Welt kreieren. Mode muss individuell und visionär sein, sie darf nicht naiv und auch nicht zu kommerziell sein. Mode ist wichtig, sagt Myung-Il Song sehr bestimmt, und sie schiebt dann den verrutschten Träger ihres schwarz-weißen Sommerkleides zurecht, das ihr Neffe kreiert hat. Es ist heiß und ruhig in dem kleinen Café am Beginn der Praterstraße, in das wir uns gesetzt haben. Hundstage in Wien. Ferienzeit.

"Ein Konzept habe ich nicht"

Nicht für Myung-Il Song. Sie werkt an den letzten Details für das wahrscheinlich aufregendste Modegeschäft, das Wien je gesehen hat. Kein Concept-Store, denn "ein Konzept habe ich nicht", und auch kein reines Modegeschäft, schließlich beherbergt es auch einen großen Ausstellungsraum und ein Atelier.

Es ist schlichtweg ein kleines Song'sches Reich, das unter Federführung des Architekten Gregor Eichinger in den weitläufigen Räumlichkeiten (knap-pe 500 Quadratmeter) eines ehemaligen Pelzgroßhandels am Beginn der Praterstraße entsteht, eine Gegend, in der jetzt im Hochsommer die Gehsteige hochgeklappt und die Rollläden der wenigen Geschäfte geschlossen sind. Hierher kommt man nicht zum Bummeln, hierher wird man wegen Song kommen. "Eigentlich bräuchte es hier noch eine nette Bar", sagt sie und fügt dann mit einem Lächeln hinzu: "Vielleicht eröffne ich eine."

Visonen hat sie sehr wohl

Song hat Visionen. Hat sie immer schon gehabt. 1984 ist sie aus Korea nach Wien gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, sie hat auf der Angewandten Gebrauchsgrafik studiert, hat eine Tochter bekommen und dann nach einigen Jahren in der Innenstadt ihr kleines Geschäft eröffnet. Das war vor nunmehr sechs Jahren, seitdem ist der Laden in der Landskrongasse ("Song") zu einer der ersten Wiener Modeadressen aufgestiegen. Und Song zur Wiener Institution. Neben dem Concept-Store "Park" in der Mondscheingasse führt sie in Wien die radikalste Auswahl an Labels.

Daran ändert sich auch in der Praterstraße nichts: "Wichtig ist nur, dass mir die Mode gefällt. Ob ich sie auch verkaufen kann, das ist eine andere Frage." Ein eigener Raum wird ausschließlich dem Modeguru Martin Margiela gewidmet sein. In den nächsten Tagen, erzählt Song, werden aus Paris Margielas Innenarchitekten anreisen und das in Wien verwirklichen, was sonst ausschließlich seinen eigenen Stores vorbehalten ist. Ein Reich in Weiß. "Das ist nur möglich, weil ich so viel von Margiela bestelle, wie vielleicht niemand sonst." Ob sie den scheuen Modemacher, der zu den großen Rätselhaften der Branche gehört, auch selbst kenne? "Ich habe ihn kennen gelernt, und es war ein ganz besonderer Moment."

Wieder umspielt Song ein leichtes Lächeln, mit ihren Kontakten prahlt sie nicht. Obwohl sie jeden Grund dazu hätte: Mit Designern wie Walter van Beirendonck, Dirk van Saene oder Bernhard Willhelm ist sie gut befreundet (selbstredend führt sie auch deren Kollektionen), in den Showrooms in Paris ist sie ein heiß umworbener Gast. "Kunden aus Miami oder Japan rufen mich an und bitten mich um ganz bestimmte Kollektionsteile von Balenciaga."

Ein Reich im Reich

Das Pariser Kultlabel, das der Designer Nicolas Ghesquière derzeit auf einen Höhenflug sondergleichen führt, ist Songs größter Trumpf - auch in finanzieller Hinsicht, obwohl Balanciaga zu den absoluten Hochpreislabels gehört. "Einige meiner Kunden kaufen alles, was ich führe", erzählt sie. Für ganz besondere Kunden hat Song denn auch einen eigenen Salon eingerichtet, ein Reich im Reich, in dem Songs Lieblingskünstler hängen (sie sammelt auch Kunst) . "In den Salon lade ich meine Freunde ein", sagt sie später, als sie einen durch die imposanten Räumlichkeiten führt.

An der hohen Decke hängen noch die Haken, an denen früher die Pelze baumelten. Sie bleiben, genauso wie das unverputzte Mauerwerk, das so schön grün und gelb schimmert. "Warum übermalen?", fragt sie mit einem Schulterzucken: "Mir gefällt es so am besten." Und nur das ist wichtig für Myung-Il Song.
(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/25/08/2006)

  • "Song" in der Praterstraße 11-13 in 1020 Wien ist  ab 2. September geöffnet. Tel.: 01/532 28 58.  Geführte Labels: Balenciaga, Martin Margiela,  Bernhard Willhelm, AF Vandevorst, Dirk van Saene, Walter van Beirendonck, Cosmic Wonder,  Number (N)ine, Acne.
    foto: standard

    "Song" in der Praterstraße 11-13 in 1020 Wien ist ab 2. September geöffnet. Tel.: 01/532 28 58. Geführte Labels: Balenciaga, Martin Margiela, Bernhard Willhelm, AF Vandevorst, Dirk van Saene, Walter van Beirendonck, Cosmic Wonder, Number (N)ine, Acne.

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