Uwe Timm: "Schatz auf Pagensand"

31. August 2006, 14:29
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Vor den großen Ferien gibt es noch einmal Noten, die Sechs weiß alles über Klaus Störtebeker

Vor den großen Ferien gibt es noch einmal Noten. Lehrer Schaper, den wir gar nicht nett finden, verteilt die Aufsatzhefte. Zuerst an die Einser, an Renate. Und das ist dann auch das Letzte, was wir von ihr lesen. Die Helden dieser Geschichte gehören zu den Dreiern und Vierern.

Ja, und dann ist da noch Benno. Der Einzige mit einer Sechs. Das macht ihn zu einer interessanten Figur. Denn Benno gehört weder zu den Faulen noch zu den Dummen. Benno hat einfach zu viel Phantasie für den Lehrer. Und ohne Bennos Phantasie hätten die vier Freunde nicht beschlossen, in den Ferien auf Schatzsuche zu gehen. Denn Benno weiß alles über den Piratenkapitän Klaus Störtebeker und über dessen Schatz auf einer Insel in der Elbe. Auch über die Elbe kann er mehr erzählen, als im Geografie-Unterricht durchgenommen wird. Nun gehört es sich, dass vier Jugendliche sich nicht einfach so bei den Eltern für eine Woche verabschieden und auf Schatzsuche gehen können. Da braucht man schon mehr - am Anfang eine Notlüge.

Übrigens sind es, wie sich erst langsam herausstellt, drei Jungs und Jutta. Jutta erzählt, wie sie sich heimlich ein morsches Segelboot besorgen, es reparieren und dann lossegeln. Es entwickelt sich ein Abenteuer, bei dem es auch ums Überleben geht, als das Boot zu sinken droht. Ein wirrer König von Albanien tritt mit seinem Hausschwein auf, einige Bösewichter fahren ein Schnellboot und sind bewaffnet, doch zum Schluss sorgen die Ordnungshüter dafür, dass wieder alles ins Lot gerät.

Als ich die Geschichte las, fühlte ich mich an meine Lieblingsbücher zu Jugendzeiten erinnert, die wunderbare Abenteuerreihe von Enid Blyton. Aber Uwe Timms Schatzsuche ist noch spannender, und die Personen sind stärkere Persönlichkeiten, die sich im Lauf des Buches entwickeln. Das beginnt mit der Erkenntnis, dass ein Schüler mit einer schlechten Note nicht ein schlechter Schüler sein muss. Es endet sehr schön mit dem Blick aus dem Erwachsenenleben zurück auf diese abenteuerliche Schatzsuche. Die Geschichte erklärt auch, wie und wo man sich informieren kann. Wer es noch nicht weiß, der lernt nach backbord und steuerbord zu schauen und darauf, wie man ein Boot besser trimmt, also aufrecht segelt. Was Saling, Wanten und Mast bedeuten, wie Klappdraggen und Nebelhorn aussehen, das zeigen hübsche Vignetten, die Uwe Timm gezeichnet und zwischen den Text gestreut hat. In dieser an Fantasiebüchern überquellenden Zeit tut diese Geschichte gut. Denn hier spielt die Fantasie zwar auch eine große Rolle, aber als Teil der Wirklichkeit. Denn die Handlung zeigt, wie schwer es die Fantasie in der Realität haben kann. Der Tester bewertet dieses Buch mit "höchst löblich" und "äußerst lesenswert". Fortsetzung erbeten. (Ulrich Wickert / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.8.2006)

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