Die obszönen Moralisten: "It's not funny!"

20. Juli 2007, 16:45
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Meg Stuart mit einer Tanzprovokation

Psychische Probleme: Regisseuin Andrea Breth. Foto: Uhlig Salzburg - Er stößt uns früher oder später allen zu. Der GAU für das Selbstbewusstsein. Eine Peinlichkeit vor den Augen der anderen, die zur Anekdote werden kann. Möglicherweise allerdings auch von einem, der im Erzählen entdecken muss, dass er die Pointe vergessen hat. Den lustbringenden, brühwarmen Born der Peinlichkeit hat nun eine der wichtigsten europäischen Choreografinnen ein bißchen vergiftet: Meg Stuart in ihrem bei den Salzburger Festspielen im Republic uraufgeführten Stück It's not funny!

"Death. Funny.", schreibt Tim Etchells, Kopf der englischen Theatergruppe Forced Entertainment, für das Programmheft. "Painful Death. Hilarious. / Love. Funny. / Love gone-wrong. Very funny. / Lust. Funny. / Hate. Funny. / Boredom. Not funny at all." Im Stück stolpert die Tänzerin Anna MacRae in Rollschuhen eine Showtreppe so hinunter, dass allen der Atem stockt. Der Schauspieler Thomas Conway stürzt als Stand-up-Comedian über jedes Wort. Gaststar Boris Charmatz tritt als lüsternes Monster auf, das einem Comic entsprungen sein könnte. Die Portugiesin Vania Rovisco sucht unter verrückt spielendem Gelächter im Publikum nach Männern mit zwei Penissen oder Frauen mit haarigen Brüsten, während ein Pornovideo über einen TV- Bildschirm flimmert. "A white man with a black cock?", kichert sie.

Tim Etchells zählt auf: "Beirut. Not funny. / Gaza. Not funny. / Israeli planes bombing ambulances. Funny. / Israeli planes bombing UN Observers in well marked positions. Fucking hilarious." Die etwas rundliche Tänzerin Leja Jurisic wird von den anderen bedrängt und später die Treppe hinuntergestoßen - von Kristof Van Boven, der sich am Ende vor das Publikum stellt und aufzählt, worüber man sich nicht lustig machen sollte. Hier wird dieses abgründige Werk wirklich finster. In dieser Rede an die Öffentlichkeit, die viele ergreift, weil sie am Ende einer Reihe von Obszönitäten an die Moral der Zuschauer appelliert. Und über dieses sentimentale Ergriffensein mokieren sich Stuart und ihre Darsteller.

In "It's not funny!" wird an den Hautmasken der Scheinmoral operiert. In Stuarts Stück vermischen sich politisch korrekte Moral und ihr Anti zu einer hybriden Monstrosität. Es zitiert das Spektakel samt seiner koketten Selbstkritik sowie seiner Opposition und parkt diese Masse in einem Leerraum, in dem alles zur Rhetorik wird: das oberflächlich Spaßige, die Formeln des popkulturellen Referenzgeplänkels, das zynische postmoderne Ironieverhalten.

Dieses Stück ist brillant in seiner Konsequenz und inhaltlich eine der radikalsten Arbeiten der Gegenwartschoreografie. Nichts darf darin wirklich gelingen, sonst wäre es sofort Teil dessen, was in ihm aufs Korn genommen wird: weder die Darstellung von Peinlichkeit noch das Scheitern der Vorführung des Peinlichen.

Peinlich bleiben müssen die Auftritte von Persiflage, Perfidie und Perversion. Und sogar diese Zurücknahme stockt oder strauchelt in Halbherzigkeit. Die Darsteller sind so grandios, dass sie diesen Wahnsinn, wenn auch (absichtsvoll) beschädigt, glorios überleben. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.8.2006)

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