Priester "Amleth" im Schengen-Land

31. August 2006, 18:25
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Dänemark: Der Theaterweise Eugenio Barba geht weit hinter Shakespeare zurück und erfindet den berühmten "Hamlet" gleichsam neu

... als archaisches Zauberspektakel am "Originalschauplatz" zu Helsingör. Eine verwirrende Mixtur der Theaterstile.


Kopenhagen - Sonnenuntergang über Helsingör: In der Ferne zieht die Fähre "Hamlet" vorüber. Vor der Festung ist ein lauter Lunapark und Rummelplatz aufgebaut.

Im Inneren, im Schlosshof aber, spielen sich noch viel merkwürdigere Dinge ab. Denn Eugenio Barba, legendärer Guru des "Dritten Theaters", ist nach vierzig Jahren Tätigkeit in seiner Wahlheimat Dänemark die Ehre widerfahren, sozusagen am "Originalschauplatz" (den Shakespeare nie betreten hat) Hamlet inszenieren zu dürfen.

Barba aber bleibt sich treu und greift auf die in allen Programmheften erwähnte, sonst aber ziemlich unbekannte Quelle des berühmtesten Dramas der Weltliteratur, auf die Gesta Danorum (Geschichte der Dänen) des Saxo Grammaticus (1150-1220), in Latein verfasst, zurück.

Hier heißt Hamlet Amleth, Hamlets Vater Orvendil, sein verbrecherischer Onkel Fengi (statt Claudius) und seine Mutter - immerhin noch erkennbar - Gerutha (statt Gertrude).

Von philosophischen Monologen und/oder Selbstmordgedanken eines zweifelbefallenen Intellektuellen keine Spur. Es gibt keinen Geist, keinen Horatio, keinen Laertes, und Ophelia auch nur in nuce in Form von Amleths namenloser, aber begattungswilliger Milchschwester.

Stattdessen Machtkämpfe pur, eine "Revenger´s Tragedy" in krudester Form, die Wurzel aus Hamlet, Hamlet classic, sozusagen.

Amleth stellt sich zwar verrückt, aber er zaudert nicht. Amleth schlägt und verwundet seine Mutter, zerstückelt den - hier namenlosen und unter einer Strohmatte statt hinter einem Vorhang versteckten - Polonius und wirft ihn den Schweinen zum Fraß vor, ersticht seinen Onkel - nachdem er die Waffen vertauscht hat - mit dessen eigenem Schwert, um das seine nicht zu beschmutzen, und krepiert endlich in einem weiteren Eroberungsfeldzug gegen den rechtmäßigen König Rörik.

Barba wäre nicht Barba, das heißt also nicht nur Leiter des Odin Theaters, sondern auch Begründer der International School of Theatre Anthropology (ISTA), die sich seit 25 Jahren mit allen noch existierenden und traditionellen Theatertechniken der Welt beschäftigt, wenn er seine diesbezüglichen Erfahrungen hier nicht einfließen ließe.

So wird also Helsingörs Hofstaat vom Pura Desa Ensemble, Vertreter der ältesten Theaterform Balis, dem Gambuh dargestellt (mit I Wayan Bawa als Onkel Fengi), Amleth von einem brasilianischen Candomblépriester (Augusto Omolú) und sein Vertrauter von einem japanischen Noh-Schauspieler der Kita-Dynastie (Akira Matsui).

Theatrum mundi

Weitere hundert Mitwirkende aus 40 Herren Ländern vervollkommnen den Eindruck einer globalisierten Multikulturalität, eines Theatrum Mundi.

Das dänische Premierenpublikum reagierte trotz anfänglicher Entgeisterung begeistert. Die dänische Presse gespaltener Weise etwas weniger: "Die Irren erobern Helsingör" wurde da getitelt, und von "nekrophilem Kulturtourismus" war die Rede. Nun ja, das mag auch ein Gesichtspunkt sein.

Der Akt der Rebellion an sich, die geglückte Kontamination im Mekka des Hamletkults, die starken und nachhaltigen Bilder überwiegen aber letztlich: ein schwarzer, verrückter, mit Schnüren behangener Hamlet, der mitten in Helsingör kräht wie ein Hahn, eine in einem Wasserbottich ertränkte "Ur-Ophelia", balinesische Prinzessinnen im Fackelschein, Schubkarren fahrende Harlekine, Leichen abtransportierende Gabelstapler und am Schluss drei fröhlich auf dem Schlossbrunnen campierende und picknickende Immigranten mit Kinderwagen ...

In der Ferne kehrt die Fähre "Hamlet" aus Schweden zurück. Draußen geht der Lunapark-Wahnsinn weiter. Der Rest ist Schengen. (Robert Quitta / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.8.2006)

  • Hamlet alias "Amleth" als schwarzer Schamane, der Mutter Gertrude ("Gerutha") grausam zusetzt: In Dänemark verfließen die Theaterepochen ineinander.
    foto: arne magnussen

    Hamlet alias "Amleth" als schwarzer Schamane, der Mutter Gertrude ("Gerutha") grausam zusetzt: In Dänemark verfließen die Theaterepochen ineinander.

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