Von den Männern die Macht lernen

23. August 2006, 19:29
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Frauen in Führungspositionen sind rar - Schuld daran sind nicht nur die Männer, sondern auch fehlende Ambitionen und die Option Familie: Christine Bauer-Jelinek im STANDARD-Interview

STANDARD: 62 Prozent der österreichischen Frauen sind erwerbstätig, aber nur 13 Prozent sind in Führungspositionen. Stoßen die Frauen immer noch an die "gläserne Decke"?
Bauer-Jelinek: Ja. Die Rahmenbedingungen für Frauen wurden nicht wesentlich verbessert. Solange sich die Gehaltsschere nicht schließt, ist diese gläserne Decke vorhanden.

STANDARD: An der mangelnden Ausbildung der Frauen kann es nicht mehr liegen.
Bauer-Jelinek: Die Bereitschaft der Frauen, sich gut auszubilden, ist da. Aus Untersuchungen in meiner Coaching-Praxis weiß ich, dass Frauen auch wesentlich mehr Fortbildung machen als Männer. Aber sie sammeln Seminare und Kurse, ohne den gleichen Erfolg zu erreichen.

STANDARD: Dann liegt es an den Frauen selbst, wenn sie beruflich nicht weiterkommen?
Bauer-Jelinek: Was den Frauen noch fehlt ist der Biss, die Bereitschaft, Machtpositionen anzustreben. Ohne Ehrgeiz und ohne Strategiedenken erreicht man keine Top- und damit Machtpositionen.

STANDARD: Das deckt sich mit der Aussage von Unternehmern, die geringe Frauenanteile in den Führungsetagen mit mangelndem Interesse der Frauen an Karriere begründen. Warum sind Frauen ambitionsloser?
Bauer-Jelinek: Sie haben die Option Familie. Karriere ist "nice to have", aber mit Kindern und Partner für viele zu anstrengend. Da konzentriert sich die Frau dann doch lieber auf den Selbstverwirklichungsbereich und macht keine Karriere.

STANDARD: Wer Karriere machen will, muss also auf Kinder verzichten?
Bauer-Jelinek: Nein, aber der Zeitpunkt, wann mit Familienplanung begonnen wird, ist wichtig. Ich rate, Kinder früh zu bekommen. Der Trend, erst spät Kinder zu bekommen, führt zu einem Karriereknick.

STANDARD: Laut Frauenbericht 2003-06 können nur 29 Prozent der Frauen nach der Karenz in ihre frühere Führungsposition zurück, 50 Prozent teilweise.
Bauer-Jelinek: Karenz ist immer eine Karriereunterbrechung - auch für Männer.

STANDARD: Will frau in eine Topposition, soll sie bestens ausgebildet sein, die Familienplanung abgeschlossen haben. Was soll sie noch mitbringen?
Bauer-Jelinek: Machtbewusstsein und Hierarchieverständnis. Frauen müssen sich klar werden, was es bedeutet, eine Machtposition auszuüben. Sie müssen sich die angestrebte Position genau anschauen.

STANDARD: Braucht, wer Karriere machen will, ein ungetrübtes Verhältnis zur Macht und zu jenen, die sie traditionell ausüben, den Männern?
Bauer-Jelinek: Frauen, die in Toppositionen wollen, sollen von jenen lernen, die am meisten Erfahrung damit haben, und das sind nun mal Männer. Die Bereitschaft von Männern, Wissen und Erfahrung weiterzugeben, ist groß.

STANDARD: Und die Frauen wollen von Männern lernen?
Bauer-Jelinek: Leider sagen noch zu viele Frauen: "Ich will nicht von einem Mann lernen." Das ist schade. Es gibt zu wenig Frauen in Toppositionen und deshalb auch nicht genug Mentorinnen.

STANDARD: Sie empfehlen den Frauen auch, Hierarchien und Seilschaften zu akzeptieren.
Bauer-Jelinek: Wer in eine Topposition will, muss sich den Gegebenheiten anpassen. Hierarchien sind Realität, auch wenn sie verschleiert werden. Wer die Einstellung "Ich lasse mich nicht biegen" mitbringt, gilt sehr schnell als schwierig. Den individuellen moralischen Verbesserungsauftrag, den so viele Frauen verspüren, können sie privat ausleben. Wer die Gesellschaft verändern will, sollte nicht in einen Konzern gehen, sondern in die Politik. Netzwerke sind wichtig, beispielsweise für Unternehmerinnen. Innerhalb einer Firma brauchen Frauen aber auch Bündnisse, in Parteien Seilschaften.

STANDARD: Sie raten also zu mehr Pragmatismus und weniger Idealismus?
Bauer-Jelinek: Der pragmatische Ansatz ist wichtig. Frauen sollen ihre Energie ökonomisch einsetzen, ihre Karriere systematisch und strategisch planen und sich von Illusionen befreien. Der Idealismus ist aber ebenso wichtig, wenn man sich für eine menschli-che Gesellschaft einsetzen will.

Zur Person
Christine Bauer-Jelinek (54) ist Wirtschafts-Coach mit Praxis in Wien. Die Psychotherapeutin gilt als Pionierin des Coachings. Sie begleitet EntscheidungsträgerInnen aus Wirtschaft und Politik, Gründerinnen und Wiedereinsteigerinnen bei Karriere, Krisen und Neuanfängen. Die Leiterin des Instituts für Machtkompetenz sieht sich nicht als "klassische Feministin", hat aber die Machtfrage zu ihrem Spezialthema. Mit dem Buch "Die helle und die dunkle Seite der Macht" landete sie einen Bestseller. Bauer-Jelinek ist Mutter zweier erwachsener Söhne. (jub/DER STANDARD, Printausgabe 24.08.2006)

Das Gespräch führte Jutta Berger.
  • Christine Bauer-Jelinek glaubt, dass Frauen ein Hierarchieverständnis brauchen, um Toppositionen zu erreichen. Wer gegen Hierarchien sei, gelte schnell als schwierig.
    foto: standard
    Christine Bauer-Jelinek glaubt, dass Frauen ein Hierarchieverständnis brauchen, um Toppositionen zu erreichen. Wer gegen Hierarchien sei, gelte schnell als schwierig.
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