44-jähriger Nachrichtentechniker beging Selbstmord

5. Oktober 2006, 16:31
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Hilfe bei Freund gesucht dann vor Zug geworfen - Er erzählte, er flüchte vor Polizei, weil er mit Alkohol am Steuer erwischt wurde

Wien – Der 44-jährige Nachrichtentechniker Wolfgang P., der Natascha Kampusch entführt und acht Jahre lang in einem Verlies in seinem Haus in Strasshof (Bezirk Gänserndorf) festgehalten haben soll, hat Selbstmord begangen, teilte Generalmajor Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt mit. Der mutmaßliche Entführer hat sich in Wien-Leopoldstadt vor einen Zug geworfen, der in Richtung Floridsdorf fuhr.

Freund sollte bei Flucht helfen

Wolfgang P. hat sich im Zuge seiner Fahndung Hilfe suchend an einen Freund gewandt. Diesen Mann hat er vom Donauzentrum aus angerufen. P. wurde von ihm abgeholt. Der Mann, der Natascha Kampusch entführt hat, sagte seinem Freund, er flüchte vor eine Polizeipatrouille, weil er mit Alkohol am Steuer erwischt wurde, erklärte Erich Zwettler vom Bundeskriminalamt bei der Pressekonferenz.

Der Freund hat ihn letztendlich bei der Dresdnerstraße in der Brigittenau aussteigen lassen. Deshalb hatte sich die Fahndung laut Zwettler auf den 2. und 20. Bezirk konzentriert.

Um 20.59 Uhr wurde die Polizei von den ÖBB informiert, dass sich ein Mann bei der Nordbahnstraße 56 vor die Schnellbahn geworfen hat. Bei der schwer verstümmelten Leiche wurde ein BMW-Schlüssel gefunden. Dieser passte einwandfrei zu dem sichergestellten Fahrzeug im Donauzentrum. Außerdem hatte der Selbstmörder eine weiße Hose, ein weißes T-Shirt, Adidas-Schuhe und einen braunen Gürtel an. Diese Kleidung wurde von dem Freund eindeutig wiedererkannt. Eine Obduktion und eine DNA-Analyse sind noch im Gange.

Täter unvorsichtiger

Dass Natascha flüchten konnte, sei eine völlig überraschende Möglichkeit für die Frau gewesen, erklärte Gerhard Reischer, stellvertretender Leiter der Sicherheits- und kriminalpolizeilichen Abteilung Niederösterreich. Wolfgang P. habe zu diesem Zeitpunkt Verhandlungen über ein Grundstück geführt und hat die 18-Jährige nicht eingesperrt, bevor er das Haus verließ. Sie habe sich daraufhin in einen Nachbargarten geflüchtet. Die Besitzerin verständigte die Polizei, dass sich eine verwahrloste Frau in ihrem Garten befinde.

Entführer wurde 1998 wegen gesuchtem Auto überprüft

Der mutmaßliche Entführer wurde bereits im April 1998 von der Polizei befragt. Damals wurden mehr als 1.000 Besitzer von weißen Kastenwagen überprüft. Eine Schulfreundin hat ausgesagt, Natascha Kampusch sei in ein solches Fahrzeug gezerrt worden. Der ledige Nachrichtentechniker hat bei seiner Überprüfung ausgesagt, dass er den Wagen für Bauarbeiten in Strasshof benötigte. Das klang laut Zwettler plausibel, da der Kastenwagen mit Bauschutt beladen war. Mangels weiterer Hinweise habe es keine Hausdurchsuchung gegeben.

Die damals zehnjährige Natascha Kampusch war am 2. März 1998 in Wien-Donaustadt verschwunden. Sie hatte die elterliche Wohnung am Rennbahnweg 27 verlassen, um die Volksschule am Brioschiweg zu besuchen, war dort jedoch nie angekommen. Das Verschwinden Nataschas zählt zu den spektakulärsten Fällen der jüngsten Kriminalgeschichte.(APA/red/DER STANDARD Printausgabe 24.8.2006)

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    Der Entführer von Natascha Kampusch, Wolfgang P., beging Selbstmord

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    Bei der schwer verstümmelten Leiche von Wolfgang P. wurde der passende BMW-Schlüssel gefunden

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