Raubersgeschichten und Kinderzeug

28. August 2006, 09:18
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Der freundliche Polizist sagte, dass ein Kinderwagen vor der Tür oft Wunder wirke

Es war gestern. Und irgendwann hatten wir zwar alle genug von den Räubergeschichten, aber weil dann doch jeder etwas zum Drüberstreuen oder Drauflegen hatte, kamen wir uns bald sehr sehr seltsam vor: Wir hatten den ganzen Abend nur über Einbruch und Diebstahl geredet – und die Welt hatte dadurch eine ziemlich monochrom-düstere Farbe abbekommen hatte. Und ziemlich kleinformatig wirkte.

Dabei hatte es harmlos angefangen. Beim Geburtstagessen von B. Und als ein Angehöriger der kinderlosen Minderheit erzählte, dass in seinem Haus, einem stinknormalen Wohnhuas, in manche Wohnungen mittlerweile zum dritten Mal in Folge eingebrochen worden sei (und er nicht ganz verstehe, warum er – noch – nie behelligt wurde), erzählte K. von ihrem Haus.

Liste

Auch das, eröffnete sie uns, dürfte nämlich auf einer Liste stehen. Das hatte ihr jedenfalls einer der netten Polizisten des benachbarten Kommissariates gesagt: Es gäbe, mutmaße jedenfalls die Behörde zumindest innoffiziel, mittlerweile nämlich Listen. Auf denen stünden Häuser und Wohnungen, in denen sich ein Einbruch lohne. Und der Gedanke, dass diese Listen die klassischen Gaunerzinken am Türstock ersetzten, habe man ihr, K., erklärt, sei wohl nicht ganz falsch.

Diese Listen, so der Polizist laut K., würden aber nicht nur Lohnende sondern vor allem einfach zu knackende Ziele aufführen: Häuser, die tagsüber faktisch leer stünden. Deren Bewohner genaue Lebens- und Zur-Arbeit-Geh-Rythmen hätten. Und deren Haus- und Wohnungstüren keine allzu großen Hindernisse darstellten. Und: Häuser, deren Insassen gut versichert wären: Sobald Gestohlenes – Laptops und Elektronik etwa – wiederbeschafft wären, kämen die ungebetenen Besucher wieder. Und dann noch einmal: In ihrem Haus, einem ganz normalen Wohnhaus in Wien Neubau, sagte K., gäbe es deshalb (so der Polizist) Appartements, die vier oder fünf Mal ausgeräumt worden seien.

Kein Zufall

Aber sie, erzählte K., habe bisher eben geglaubt, einfach Glück gehabt zu haben – bis sie mit dem freundlichen Polizisten dann nach Dienstschluss bei einem Kaffee zusammen saß: Ob sie sicher sei, dass das nur Zufall sei, habe der Beamte sie gefragt – und ihr Staunen nicht ganz verstanden. Ob sie denn nicht etwa einen Kinderwagen, ein Dreirad oder Kinderschuhe vor der Tür stehen habe?

Zuerst, sagte K., habe sie da geglaubt, der Polizist wolle sie auf den Arm nehmen. Dann habe sie eine ultrablöden Anmachschmäh vermutet – und danach geglaubt, der Mann wolle ihr einfach mit der Mär von sozial ansatzweise ausgewogen zuschlagenden Verbrechern Ängste nehmen, die sie so gar nicht hätte („die einzige Angst die ich habe, ist , das wer einbricht, wenn ich und meine Tochter daheim sind – und der dann die Nerven wegschmeißt, weil er ja echt was zu verlieren hat.“)

Unberechenbare Kinder

Aber dann, so K., habe der nette Polizist Klartext gesprochen: Mit Robin Hood oder einem Herz für Mütter habe das Verschonen ihrer Wohnung gar nichts zu tun – lediglich mit der Nicht-Berechenbarkeit der Anwesenheit von Kleinkindern (samt Betreuungspersonal) in Wohnungen: Es käme immer wieder vor, dass just die Wohnungen, vor denen Kinderkrempel läge, unbehelligt blieben. Er habe, habe der Polizist gesagt, da aber lediglich die halbprivate Empirie einiger Kollegen zur Hand – und als Garantie oder Versicherung würde er einen Microscooter, eine Sandschaufel und ein Paar bunter Gummistiefel vor der Tür auch keinesfalls empfehlen.

Sie habe, sagte K., danach in ihrem Haus Nachschau gehalten – und festgestellt, dass tatsächlich nur kinderinventarfreie Wohnungstüren ungebetene Besucher angezogen hätten. Das sei in ihrem Haus die Mehrheit. Den seriösen Tipp des Polizisten habe sie aber dennoch beherzigt und ihr Türblatt verstärken und ein solides Balkenschloss einbauen lassen. Die alten Schuhe und Anoraks ihrer Tochter habe sie aber den kinderlosen Nachbarn geschenkt – und zumindest in den letzten drei Monaten hätten diese Talismane und Totems ihre Wirkung nicht verfehlt.

  • Jeweils montags, mittwochs und freitags eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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