Hunderte Meter unter den Meeren

29. August 2006, 20:12
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Meeresbiologin Bettina Pflugfelder arbeitet zurzeit in Wien an einer Doktorarbeit zu Tiefseeriesen- röhrenwürmern

"Die Meeresbiologie ist mehr als ein spannender Cousteau-Film. Es spielt sich besonders viel im Labor ab": Die deutsche Meeresbiologin Bettina Pflugfelder arbeitet zurzeit in Wien an einer Doktorarbeit zu Tiefseeriesenröhrenwürmern. Thomas Mündle und Peter Illetschko sprachen mit ihr über die Faszination der Tiefe und Chancen auf eine Uni-Karriere.

Standard: Sie sind Deutsche, Meeresbiologin und schreiben Ihre Doktorarbeit in Wien, einer Stadt, die nicht am Meer liegt. Was trieb Sie gerade zu diesem Forschungsfeld?
Pflugfelder: Ich hatte diesen Wunsch, seitdem ich acht Jahre alt war, und bin seitdem nie wieder wirklich vom "Weg abgekommen" – da hab ich, glaub ich, die ersten Cousteau-Filme im Fernsehen gesehen und war total fasziniert. Je älter man wird, je mehr man sich damit beschäftigt, umso klarer wird einem, dass die Meeresbiologie eben genau kein Cousteau-Film ist, nicht tauchen und filmen, sondern viel Lernen, viele Praktikas, Übungen und Laborarbeit usw., aber natürlich als Zuckerl immer ein bisschen Freilandarbeit.

Standard: Ihr Thema sind derzeit Tiefseeröhrenwürmer. Warum sind die wichtig?
Pflugfelder: Tiefseeriesenröhrenwürmer sind festsitzende Röhrenwürmer ohne Mund, Darm und Anus, die an den Hydrothermalquellen und den kalten Quellen in der Tiefsee vorkommen. Erstere werden bis zu 1,5 m groß, wachsen 85 cm pro Jahr und haben eine relativ kurze Lebenserwartung wegen des instabilen Lebensraums. Die von den kalten Quellen werden bis zu 3 m lang und ca. 300 Jahre alt, da die kalten Quellen ein stabiler Lebensraum sind. Beide Wurmarten leben in extrem schwierigen und giftigen Umgebungen, da vor allem Schwefelwasserstoff (H2S) aus den heißen und kalten Quellen strömt. Diese zwei Wurmspezies sind nicht nur perfekt adaptiert, was man am Alter oder der Größe sieht, die sie erreichen können, sondern bilden zusammen mit anderen frei lebenden Bakterien sozusagen auch die Primärproduzenten von Energie und Biomasse an den Hydrothermal-und kalten Quellen. Sie bilden damit die "Oasen der Tiefsee".

Standard: Ihre Doktorarbeit wird über ein Doc-Stipendium der Akademie der Wissenschaften finanziert. Für junge Naturwissenschafterinnen gäbe es nun ein frauenspezifisches Förderprogramm, DOC-FFORTE. Warum haben Sie sich hier nicht beworben?
Pflugfelder: Ich dachte irgendwie, dass ich so eher ein Stipendium für drei Jahre bekommen könnte. Leider war das ein Irrtum. Ich habe lediglich zwei Jahre finanziert gekriegt. Ab Oktober werde ich deshalb ohne Einkommen sein. Um meine Doktorarbeit beenden zu können, brauche ich aber noch zirka ein weiteres Jahr, und dann wäre ich schon relativ schnell gewesen.

Standard: Drei Jahre für eine Doktorarbeit sind schnell?
Pflugfelder:Ja, für eine exzellente Doktorarbeit in der Biologie benötigt man heute oft vier bis fünf Jahre. In dieser Zeit kann man einen wirklichen Beitrag leisten, von dem die internationale Scientific Community auch Notiz nimmt. Wer glaubt, eine Doktorarbeit nebenher machen zu können, irrt gewaltig. Wenn man als Wissenschafterin Karriere machen will, ist Forschen ein Fulltime-Job.

Standard: Wie schätzen Sie die Karrieremöglichkeiten für Nachwuchsforscherinnen ein?
Pflugfelder: Gut finde ich es, wenn den Frauen der Wiedereinstieg in den universitären Betrieb ermöglicht wird – das heißt: Das höhere Alter aufgrund von Karenzzeiten wird heute vielfach bei Stipendienbewerbungen berücksichtigt. Junge Mütter kriegen manchmal auch zusätzliches Kindergeld. Trotzdem haben es Frauen nicht leichter als Männer, in Spitzenpositionen zu gelangen. Bei gleicher Qualifikation wird meistens noch der Mann bevorzugt, nicht die Frau. Frauen müssen dann schon deutlich besser sein.

Standard: Und wo sehen Sie sich selbst in ein paar Jahren? Wollen Sie Karriere an der Uni?
Pflugfelder: Für mich als Doktorandin sind die Arbeitsbedingungen am Department für Meeresbiologie sehr gut. Auch ein Post-Doc ließe sich hier gut machen, wenn die Finanzierung gegeben wäre. Spätestens dann aber wäre es Zeit zu gehen.

Standard: Wohin? In die USA?
Pflugfelder: Die USA gelten allgemein als ein Traumland für junge ForscherInnen. Und auch für Meeresbiologen ist Amerika attraktiv. Es gibt dort mehr Gelder und mehr fixe Anstellungen.

Standard: Andere Optionen?
Pflugfelder: Ob es in Deutschland leichter ist, als NachwuchsforscherIn Karriere zu machen, weiß ich nicht. Ich glaube, die Bezahlung ist ein bisschen besser, die Möglichkeiten an den Unis ebenso.

Standard: Haben Sie sich eigentlich einmal überlegt, etwas anderes zu machen?
Pflugfelder: Tatsächlich habe ich mir unlängst überlegt, ob ich nicht in die medizinische Forschung wechseln will. Dort ist viel mehr Geld vorhanden. Die Krebsforschung und die Altersforschung sind gar nicht so weit weg von dem, was ich in der Meeresbiologie tue. Die Meeresbiologie im Allgemeinen hat nicht allzu viel damit zu tun, aber das, woran ich für meine Dissertation arbeite, sehr wohl, da ich Zellforschung betreibe – genauer gesagt studiere ich den Zellzyklus, vor allem die Zellproliferation, Zellteilung und Arten des programmierten Zelltods in den beiden Tiefseeriesenröhrenwürmern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.8. 2006)

ZUR PERSON

Bettina Pflugfelder (27) arbeitet als Doktorandin am Department für Meeresbiologie der Universität Wien. Sie erforscht die Zellzykluskinetik in symbiontischen Tiefseeriesenröhrenwürmer. Das Vordiplom in Biologie hat die aus Deutschland stammende Wissenschafterin in Regensburg erworben. 2000 ist sie nach Wien übersiedelt, "um das studieren zu können, was mich immer schon fasziniert hat". Ihre Feldforschungen haben sie bisher nach Korsika, Jordanien, Belize und an den Golf von Mexiko geführt. Die Leidenschaft der Meeresbiologin ist - erraten - das Tauchen.
  • Bettina Pflugfelder hat schon überlegt, aufgrund der geringen Karrierechancen im Bereich Meeresbiologie in die medizinische Forschung zu wechseln.
    foto: standard/regine hendrich

    Bettina Pflugfelder hat schon überlegt, aufgrund der geringen Karrierechancen im Bereich Meeresbiologie in die medizinische Forschung zu wechseln.

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