20. Oktober 2006, 10:23
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Studenten rudern derzeit auf dem Donaulimes durch Österreich. Übernachtet wird an Orten mit historisch überlieferten Römerlagern.

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Enns - "Soll ich die Turnschuhe oder die nassen Lederschuhe anziehen", überlegt ein Student. Die Chancen, dass Letztere bis zur Abfahrt noch trocknen, sind sehr gering. Immer wieder schüttet es, und das bei 16 Grad Celsius. "Der Regen ist am schlimmsten, da sind alle sofort demotiviert", sagt Stefan Mittermaier. Zwei solcher Tage hat der Kapitän auf seiner großen Fahrt bereits erlebt. Doch die weltweit einzigartige Chance, am Ruder eines spätantiken, seetauglichen Flusskriegsschiffes zu sitzen, lässt die trübe Stimmung wieder verfliegen.

Vor mehr als 1600 Jahren sollen die Römer mit Booten der Gattung "navis lusoria" auf der Donau patrouilliert sein. Den Nachbau dieses "Standardkriegsschiffes" haben Studenten des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Universität Regensburg durchgesetzt. Sie trieben Sponsoren auf, sodass sie 2003 anhand überlieferter Pläne unter Anleitung eines Bootsbauers mit der Rekonstruktion beginnen konnten. 100.000 Euro kostete dieses experimentell-wissenschaftliche Projekt. Am 1. August 2004 wurde das Boot aus Kiefernholz zu Wasser gelassen.

Um Daten zu den Fahreigenschaften und dem Leistungsvermögen zu sammeln, beschlossen die Studenten mit dem Kriegsschiff den Flusslimes zu befahren. In 17 Tagen von Regensburg bis Budapest, lautet ihre Zielvorgabe. Das bedeutet bis zu 60 Kilometer rudern am Tag. "Komischerweise hat von uns bisher keiner über Muskelkater gejammert", sagt Josef Löffl. Und das, obwohl für eine Strecke von 30 Kilometern zwischen 7000 und 10.000 Ruderschläge nötig seien. Die Blasen an den Händen bereiten da eher Probleme. Manche reiben sich die Hände mit Hirschtalg ein, andere tragen Fahrradhandschuhe mit Gelpolstern.

Zwei Kilo weniger

26 Männer und Frauen treiben das Boot an, zwölf von ihnen gehören zur Forschergruppe. Alle werden jeden Abend medizinisch durchgecheckt. Nur Simon und Florian haben bisher zwei Kilo abgenommen , sonst geht es den Geschichtsstudenten gut. Auch die Studentinnen hätten die gleiche Ausdauer wie die Kommilitonen. Denn das Wichtigste, um Tempo zu bekommen, sei, nicht möglichst kraftvoll die rund zwölf Kilo schweren Ruder ins Wasser einzutauchen, sondern die Synchronität, erklärt Frank Jäcklein, Bugoffizier und Bootsbauer.

Mit durchschnittlich sieben Stundenkilometern fährt die "navis lusoria" donauabwärts. "Täglich verbessern sich unsere nautischen Fähigkeiten", meint Heinrich Konen, Althistoriker an der Regensburger Uni und der Projektleiter. Auch er sitzt jeden Tag am Ruder, auch er schläft jede Nacht in einem Zelt. Campiert wird nur an Orten, an denen sich einst römische Lager befanden, wie letzte Nacht in Enns. Heute, Mittwoch, werden die Ruderer in Pöchlarn erwartet, mit einer heißen Dusche. (Kerstin Scheller/DER STANDARD Printausgabe, 23. August 2006)

  • Mit 21,70 Metern Länge, 2,80 Meter Breite und einer Bordhöhe von nur 96 Zentimetern galt die "navis lusoria" bei den Römern als kleines Kriegsschiff.
    foto: standard/korosa

    Mit 21,70 Metern Länge, 2,80 Meter Breite und einer Bordhöhe von nur 96 Zentimetern galt die "navis lusoria" bei den Römern als kleines Kriegsschiff.

  • Nach rund 50 Kilometern rudern, hieß es für die Geschichtsstudenten aus Regensburg im Ennser Hafen: Ruder einziehen, für heute ist es genug.
    foto: standard/korosa

    Nach rund 50 Kilometern rudern, hieß es für die Geschichtsstudenten aus Regensburg im Ennser Hafen: Ruder einziehen, für heute ist es genug.

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