Ein Wiegenlied und seine Folgen

31. August 2006, 17:10
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Das Musikfestival in Luzern ist der Beweis dafür, dass sich Klassik und Moderne nicht ausschließen

Mit Claudio Abbado und dessen Lucerne Festival Orchestra hat diese sechs Wochen währende Veranstaltungsreihe ein Spitzenensemble von unvergleichlicher Qualität.

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Mit Richard Wagner hat alles angefangen. In einem von zwei Pappeln bewachten Landhaus in Tribschen erklang am Christtag des Jahres 1870 erstmals Siegfried Idyll, ein Wiegenlied ohne Worte, das er Cosima von Bülow anlässlich der Geburt des gemeinsamen Sohnes gewidmet hatte.

Und mit Arturo Toscanini ging es weiter. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland machte der Maestro nicht nur wie schon längst um Bayreuth, sondern auch um Salzburg einen Bogen. Was im Sommer 1938 zu einem Loch in seinem Terminkalender führte, das die findigen Schweizer rasch zu schließen wussten.

So schlug am 25. August des Anschlussjahres an Richard Wagners einstigem Wohnsitz mit einem von Toscanini geleiteten "Concert de Gala", auf dessen Programm neben dem erwähnten Siegfried Idyll und dem Vorspiel zum dritten Akt der Meistersinger noch Werke von Mozart, Beethoven und Rossini standen, die Geburtsstunde des Luzern-Festivals.

In jüngerer Vergangenheit erfuhr das Festival zwei weitere maßgebliche Impulse: Im Jahr 2000 durch die Eröffnung der neuen, von Jean Nouvel entworfenen, 1800 Personen fassenden, akustisch phänomenalen Konzerthalle und 2003 durch das von Claudio Abbado gemeinsam mit Michael Haefliger, dem seit 1999 amtierenden Intendanten, gegründete Lucerne Festival Orchestra.

Das hervorstechende Merkmal dieses Festivals liegt allerdings in der völlig unverkrampften, Gelassenheit, mit der es programmiert ist, und in der vorurteilslosen Aufgeschlossenheit, mit der es vom Publikum angenommen wird.

Diese Gelassenheit und diese grundsätzliche Annahme des Festivals ist auch außerhalb der Veranstaltungen spürbar. Vor dem unmittelbar neben dem Bahnhof am Ufer des Vierwaldstättersees liegenden Kulturzentrum warten Reisende mit Koffern und Ranzen auf die Abfahrt ihres Zuges, tummeln sich Kinder zwischen den distinguiert gekleideten Konzertbesuchern.

Und wenn sich unter diesen - wie am vergangenen Freitag - sogar gleich zwei Staatspräsidenten, jener der Schweiz und jener Italiens, befinden, fällt das keinem auf. Keine Ehrengarde, kein roter Teppich. Wahrlich kein angemessenes Terrain für einen George W.

Individuelle Klänge

Wohl aber für hochkarätige Musik. Als ästhetisches Herzstück ist in dieser Hinsicht wohl Claudio Abbados Festival Orchestra zu betrachten. Das künstlerische Ziel dieses aus internationalen Spitzenmusikern bestehenden Ensembles ist nicht die gleißende Klangfassade, sondern ein vom Geist der Kammermusik geprägtes, auch in großer Besetzung noch hörbar aus individuellen Emotionen bestehendes Klanggespinst von pulsierender Lebendigkeit.

Die geradezu virtuos variierbare Akustik der neuen Konzerthalle summiert diese einzelnen Emotionen zu einem von Abbados hellwacher Klangsensibilität geprägten, unvergleichlichen Lucerne-Sound. Die Wiedergabe des zweiten Klavierkonzertes von Johannes Brahms mit Maurizio Pollini mag dafür als überwältigendes Beispiel gelten.

Eine weitere Besonderheit dieses Festivals besteht in der sympathisch undoktrinären Haltung gegenüber der Gegenwartsmusik und in der coolen Selbstverständlichkeit, mit der diese präsentiert wird.

Wenn, wie in diesem Jahr, zwei stilistisch so kontroversielle Persönlichkeiten wie der Österreicher HK Gruber und der Deutsche Matthias Pintscher in Luzern als "composers in residence" präsent sind, scheint bewiesen, dass die Schweizer ihre Neutralität auch in ästhetischen Belangen sehr ernst nehmen.

Triumph für Gruber

Und damit auch beim Publikum durchschlagende Erfolge einfahren. So wurde HK Grubers Auftritt an der Spitze des BBC Symphony Orchestra zu einem eindrucksvollen Triumph. Sowohl die Uraufführung seines neuen Orchesterwerkes Hidden Agenda als auch sein Trompetenkonzert Aerial mit Reinhold Friedrich als bravourösem Solisten stieß auf herzliche Zustimmung, die sich nach dem frankenstein!, Grubers unschlagbarem Hit nach Artmann-Texten, zu hellem Jubel steigerte.

Aber auch weniger Kulinarisches stößt auf spontanes Interesse und kundige Aufnahme. Etwa die Uraufführungen zweier in ihrer stilistischen Haltung unerbittlicher Werke von Heinz Holliger, eines davon auf Texte in Schweizer Mundart basierend, oder Vinko Globokars radikale Kombination von Brecht-Texten und Schlagzeugklängen.

Trotz dieser stilistischen Spannweite vermittelt das Programm nie den Eindruck des Beliebigen. Vielmehr scheint alles auf schweizerisch gediegene Weise ineinander gefügt. Fünf immer wieder einkehrende "Orchestras in residence" (die Wiener Philharmoniker, das Philadelphia-, Cleveland- und San Francisco Symphony Orchestra) sorgen ebenso für eine gewisse künstlerische Kontinuität wie Solisten, die nicht nur ihr Kunststück abliefern, sondern sich auch als Kammermusiker präsentieren. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 8. 2006)

---> Luzernfestival in Zahlen Luzernfestival in Zahlen

Das Lucerne Festival (10. August-17. September) umfasst heuer insgesamt 100 Veranstaltungen.

Sein diesjähriges Budget beträgt insgesamt 22,5 Millionen Schweizer Franken (ca. 17 Millionen Euro). Der Anteil von Subventionen seitens der öffentlichen Hand beträgt nicht mehr als drei Prozent. Der Rest ergibt sich aus Sponsorgeldern (36,7 Prozent) und Einnahmen aus dem Kartenverkauf.

Für heuer werden insgesamt mehr als 60.000 Besucher erwartet. Davon kommen 50 Prozent aus Luzern und der näheren Umgebung, 35 Prozent aus der Restschweiz und 15 Prozent aus dem Ausland.

Seit 1992 findet auch ein überwiegend der geistlichen Musik gewidmetes Osterfestival statt und seit 1998 jeden November eine ausschließlich den Tasteninstrumenten gewidmete Konzertreihe.

In diesem Jahr finden insgesamt 15 Uraufführungen statt. Darunter auch ein neues Werk von Beat Furrer, das anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Festival Strings Lucerne in Auftrag gegeben wurde. Pierre Boulez leitet die Lucerne Festival Academy. (vuji/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 8. 2006)

  • Der Vorplatz des von Jean Nouvel entworfenen Kunst-und Kulturzentrums in Luzern ist nicht nur ein Treffpunkt für Musikfreun-de, sondern auch ein gern genutztes, angenehmes Freizeitareal.
    foto: lucerne festival

    Der Vorplatz des von Jean Nouvel entworfenen Kunst-und Kulturzentrums in Luzern ist nicht nur ein Treffpunkt für Musikfreun-de, sondern auch ein gern genutztes, angenehmes Freizeitareal.

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