Rund 800 Milliarden schlummern in den Privatisierungen

20. Juni 2000, 18:04
Esther Mitterstieler

Wien - Der Bund könnte seine Schulden über die Privatisierungen schneller reduzieren als erwartet. In Österreich liege ein Privatisierungspotenzial von 806 Milliarden Schilling (58,57 Mrd. €), sagte der Linzer Professor für Volkswirtschaft, Friedrich Schneider dem STANDARD.

Das ist deutlich mehr als Finanzminister Karl-Heinz Grasser vorige Woche bei der volkswirtschaftlichen Tagung in Wien angesprochen hatte: Rund 340 Mrd. S stünden zur Privatisierung, hinzu kämen die Einkünfte aus den Verkäufen bei Unternehmen der Privatisierungsholding ÖIAG.

Schneider schlüsselte am Dienstag dem Finanzminister seine höheren Zahlen als Vorschlag zur Budgetsanierung genau auf: Allein beim Bund sieht der Volkswirtschafter ein Privatisierungspotenzial von 385 Mrd. S. "Dort fallen Telekom und zum Großteil die teilprivatisierten ÖIAG-Betriebe rein."

Schuldenabbau

Im Bundesland Wien könnten Privatisierungen 83 Mrd. S bringen, ein Hauptpfeiler dabei sei die Bank Austria. Denn die Gemeinde will den 22,7- Prozent-Anteil der gemeindenahen Anteilsverwaltung Zentralsparkasse (AVZ) an der größten Bank des Landes abstoßen. In den übrigen Bundesländern sieht Schneider noch einmal ein Privatisierungspotenzial von zumindest 87 Mrd. S, in den Gemeinden von 67 Mrd. S.

In den gemischten Beteiligungsverhältnissen, etwa dem Flughafen Wien, schlummern laut Schneider 50 Mrd. S an Potenzial, in den Genossenschaften, vor allem im Wohnbau, 132 Mrd. S.

In Oberösterreich könnten Privatisierungen rund 35 Mrd. S bringen, so Schneider: 8,5 Mrd. S aus der Hoheitsverwaltung, aus den noch nicht ausgegliederten gemeinwirtschaftlichen Betrieben sieben bis acht Mrd. S. In den Gemeinden schlummere zusätzliches Potenzial von 9,2 Mrd. S, in den dort noch nicht ausgegliederten Betrieben von weiteren 9,4 Mrd. S.

Nach den Vorschlägen des Linzer Volkswirtschafters könnte Finanzminister Karl- Heinz Grasser also stärker auf die Schuldenbremse treten als dieser selbst erwartete: Der Finanzminister sprach vom Abbau von 370 Mrd. S an Staatsschulden in vier Jahren. Das neu berechnete, deutlich höhere Potenzial schafft neuen Spielraum.

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