Virtuose Opulenz, melodische Träume

20. Juli 2007, 16:45
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Uraufführungen von Olga Neuwirth und Herbert Willi bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - Aufregende Dialoge zwischen Solo- und Orchestertrompeter, flirrende Klangflächen, die, sich auflösend, zu silbrigen Fäden einzelner Geigentöne gesponnen und zu bunten Klangteppichen verwoben werden: miramondo multiplo für Trompete und Orchester, von Hakan Hardenberger und den Philharmonikern unter Pierre Boulez im Großen Festspielhaus uraufgeführt.

Olga Neuwirths Werk lädt ein, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten; die Komponistin lässt den Blick eines Landschaftsmalers schweifen. Zerklüftete, melancholische, pittoreske, gefällige Panoramen sind das Ergebnis. Man hätte solch eingängige Opulenz just von Neuwirth nicht erwartet, aber das Können und das Gespür für kontrastierende Klangeffekte überzeugen. Wie im vierten Satz "aria della pace" die Arie Lascia ch'io pianga aus Händels Rinaldo durch die Instrumentengruppen geistert, ist unverschämt schön, wirkungsvoll.

Mit unverblümten Schönklang tänzelte übrigens Lang Lang durch Mozarts Klavierkonzert G-Dur KV 453. Gerne hält der Starpianist sein verzücktes Gesicht dem Publikum entgegen, damit man Gedankentiefe sieht. Sein präzise artikulierter Anschlag lässt über Manierismen hinwegsehen.

Über intonatorische Ausflüge bei der Serenade B-Dur "Gran Partita" KV 361 hinwegzuhören war schwerer. Unentschieden das Ringen um die gestalterische Oberhand zwischen Pierre Boulez und den Bläsern. Vielleicht hätte man doch auch den klanglich unverzichtbaren, von Mozart vorgesehenen Kontrabass ins Gefecht schicken sollen.

In der Fülle der Uraufführungen verdient auch ein neues Stück von Herbert Willi Interesse, ausnahmsweise auch durch den ORF . . . Mit der famosen Klarinettistin Sharon Kam wurde ein klug gebautes, klarinettistischen Wünschen, auch ein melodischen Träumen entgegenkommendes Opus protegiert. Willi weiß sich einem Instrument gleichsam anzuhorchen, ohne das Eigene zu verleugnen. Er schreibt auf eine freundliche Weise unbequem - sozusagen als ein Einsamer ohne Kontaktschwierigkeiten!

Mozarts frühe Sinfonie KV 45 und auch die Schauspielmusik zu Thamos, König in Ägypten (KV 345) bestätigten das gereifte Niveau des RSO-Wien. Und dessen Chefdirigent Bertrand de Billy zeigt eine Ader, ein Auge für die Anforderungen nicht französischer Musik, das heißt: Er weiß die Mozart'schen Fäden, die heiklen Über- und Fortgänge logisch, dabei keineswegs nur vom Kopf her zu spinnen.

Gute Gesangssolisten (Martina Janková, Marie-Claude Chappuis, Xavier Mas, Franz-Josef Selig), dazu Gerd Böckelmann als Sprecher und die im ägyptischen Terrain nicht unwichtige Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, sie sicherten in der Felsenreitschule der Thamos-Aufführung Geschlossenheit und auch die nötigen besonderen Momente, ohne die eine Wiedergabe des weniger Vertrauten nicht lebendig werden kann. (klaba, cos/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 8. 2006)

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