Neuer Premier in amourösen Nöten

2. Oktober 2006, 15:37
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Ehekrise mit politischen Konsequenzen im Hause Topolánek

Prag - Das unscharfe Foto eines intimen Mittagessens lässt viele Tschechen derzeit die schleppende Regierungsbildung vergessen. Denn die beiden Turteltauben auf einer Aufnahme der Prager Boulevardpresse sind kein normales Paar. Das heimlich aufgenommene Bild zeigt den neuen - und verheirateten - Ministerpräsidenten Mirek Topolánek während eines Rendezvous mit der 38-jährigen Abgeordneten Lucie Talmanová. Zunächst beschäftigte die Liaison an der Moldau nur die Klatschspalten. Jetzt aber droht sie vor einer entscheidenden Woche die Verhandlungsposition von Topolanek zu unterspülen.

Denn dessen Ehefrau Pavla Topolánková schlug prompt zurück. Mit einem Paukenschlag gab die 51 Jahre alte Unternehmerin vor wenigen Tagen bekannt, dass sie bei den Senatswahlen im Oktober kandidieren wird - nicht aber für die bürgerliche ODS ihres Mannes: Topolánková tritt in der mährischen Stahlmetropole Ostrava (Ostrau) für das nationalkonservative Bündnis "Politika 21" und damit offen gegen die Partei ihres Mannes an. "Meine Frau will sich rächen", gestand der parteiintern umstrittene Topolánek, den die Kandidatur erheblich unter Druck bringt.

Spätestens seit dem ODS-Parteitag 2002 galten die Topoláneks als Vorzeigepaar. Inmitten einer Kampfabstimmung über den Vorsitz war Pavla Topolánková damals ans Mikrofon getreten und hatte den Delegierten vorgeschwärmt, was für ein toller Kerl ihr Mirek ist. Jetzt aber ist die Wiederwahl des 50-Jährigen beim Parteitag im Herbst ernsthaft gefährdet. Die größte tschechische Tageszeitung Mladá fronta Dnes zweifelt offen an Topoláneks Qualitäten als künftiger Ministerpräsident: "Wie kann dieser Mann ein Land regieren, wenn er die Opposition im eigenen Haus hat?"

Pavla Topolánková hat aus ihren politischen Ambitionen nie ein Hehl gemacht. Jedoch bringe die Kandidatur der "Hillary aus Ostrau", wie sie in Anspielung auf US-Senatorin Hillary Clinton genannt wird, die ODS in enge Bedrängnis, ist der lokale ODS-Spitzenkandidat Milan Balabán sicher. Balabáns Angst vor einem Stimmenverlust ist umso verständlicher, als "Politika 21" mit populistischen Thesen punkten will: so lehnt die Partei jeden Dialog mit deutschen Nachkriegsvertriebenen ab. Topolánek will vom heutigen Montag an mit dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten, Jiøí Paroubek (ÈSSD), über eine Tolerierung seiner geplanten Minderheitsregierung verhandeln. Erwartet wird ein harter Schlagabtausch. Hier habe die persönliche Krise Topoláneks Position geschwächt, sind sich die Medien einig. (Wolfgang Jung, DER STANDARD, Print, 21.8.2006)

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