"Wenn Norrington die Schuhe auszieht!"

20. Juli 2007, 16:45
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Die Philharmoniker im Sommerstress: In Salzburg sind sie angehalten, auf unterschiedlichste Dirigenten flexibel zu reagieren

Gleichzeitig haben sie einen neuen Vertrag mit den Festspielen abgeschlossen. Ein Gespräch mit Vorstand Clemens Hellsberg.

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Salzburg - Ist das enzyklopädische Mozartprojekt der Festspiele noch nicht vollendet, beginnt sich schon die Zukunft der Festspiele aufzudrängen. Man sieht den kommenden Intendanten Jürgen Flimm emsig telefonierend durch Salzburg schlendern und hört ihn Sätze wie "Das muss man mit Villazón besprechen" formulieren. Auch denkt er schon laut darüber nach, die Festspiele ob finanzieller Gründe zu verkürzen.

Und auch die Wiener Philharmoniker haben kürzlich etwas unterschrieben, das ihre Anwesenheit in Salzburg für die kommenden Jahre regelt. Dabei wurde vereinbart, dass sie in den nächsten beiden Jahren auf die Erhöhung ihrer Gage um die Inflationsrate verzichten - im Gegenzug haben sie die Möglichkeit, "für unsere Konzerte Sponsoren zu suchen", so Orchestervorstand Clemens Hellsberg.

"Beide Seiten haben sich bewegt, und das mit den Sponsoren ist ein großer Schritt. Dass wir auf die Inflationsrate verzichten, hat womöglich auch Auswirkungen auf Verhandlungen mit der Wiener Staatsoper. Wir verstehen aber die Probleme des Direktoriums. Natürlich hätte man auch dem Festspielkuratorium und damit der Politik klar machen können, dass es so nicht weitergeht. Bis zu dieser Gemeinsamkeit mit dem Direktorium werden wir vielleicht einmal kommen. Dann, wenn es wirklich nicht mehr geht. Jetzt war es noch nicht soweit."

Die Philharmoniker sind heikel. Der Zusammenbruch des Plattenmarktes hat auch sie getroffen. Es gab Zeiten mit 70 Studiositzungen jährlich. Nun werden etwa Opern kaum noch produziert. Und wenn, dann als Livemitschnitt.

Auf Wanderschaft?

Hellsberg glaubt, dass auch hier etwas mit Sponsoren möglich sein sollte. Wenn die Probleme in Salzburg überhand nehmen sollten, gäbe es auch sehr theoretische Alternativen: "Wenn wir uns in der Salzburgzeit auf Tournee begeben würden, könnten wir mit viel weniger Aufwand gleich viel verdienen. Natürlich um den Preis des Herumreisens. Auf der anderen Seite tragen wir Verantwortung in Salzburg und profitieren davon, dass wir im Vertrag als künstlerisches Zentrum definiert werden."

Hellsberg findet auch erwähnenswert, dass man bei Uraufführungen etwa zum halben Preis zu proben bereit ist. Andererseits: Auch die Philharmoniker müssen bei allem Hang zum ehrwürdigen Repertoire darauf achten, noch als Zeitgenossen wahrgenommen zu werden. Da kam ja von befreundeter Seite ein Seitenhieb, der Hellsberg schmerzt: Dirigent Sir Simon Rattle meinte, die Philharmoniker seien ein Orchester des 19. Jahrhunderts - seine Berliner hingegen eines des 21.:

"So etwas hört sich harmlos an, ich bin aber sicher, er meinte das nicht ganz so harmlos. Er liegt aber falsch. Ich will nicht für die Berliner Kollegen sprechen, die sollen sich auf Temporäres festlegen lassen. Ich glaube aber: Nicht jede Änderung ist gleich ein Fortschritt, mich interessiert das Zeitlose. Außerdem: Seit 1992 vergeben wir Kompositionsaufträge. Rattles Aussage streift nur die Oberfläche."

Über andere Dirigenten hält sich der Ärger in Grenzen. Kam Daniel Harding etwa im T-Shirt und Kaugummi kauend zu den Proben, was manchem missfiel, so verteidigt er den Briten: "Was beim Orchester nicht gut ankommt, dafür gibt es keine Regel. Es muss einfach authentisch sein. Wenn Roger Norrington auftaucht und sich für die Probe die Schuhe auszieht, hat das nichts Aufgesetztes. Ein junger Dirigent wie Harding hat es da schwer. Es tut mir leid, wie er mitunter beurteilt wird, denn man müsste die Begabung erkennen. Noch dazu ist es zwar toll, wenn er zwei Mentoren hat wie Claudio Abbado und Simon Rattle."

Aber das könne auch erdrückend wirken. "Er muss einfach noch Erfahrungen sammeln - was wurde der Harnoncourt kritisiert! Man muss sehen, in welcher Entwicklungsphase sich jemand befindet und ob er einen Gestaltungswillen hat." Und nicht jeder, wie Nikolaus Harnoncourt, kommt in den Genuss, für eine Salzburgpremiere mit einer Besetzung arbeiten zu können. "Das war beim Figaro auch nur möglich, weil die Festspiele heuer für uns etwas früher begannen."

Da schwärmt Geiger Hellsberg lieber von Christian Thielemann. "Der hat die Gabe, Probleme zu antizipieren, den Leuten Sicherheit zu geben, was selten ist. Ich glaube, mit ihm könnten wir ein Konzert spielen, ohne überhaupt geprobt zu haben. Und es würde dennoch sehr gut werden." (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2006)

  • Clemens Hellsberg: "Mit Thielemann könnten wir ein Konzert ohne Proben geben, und es würde dennoch sehr gut."
    foto: heribert corn

    Clemens Hellsberg: "Mit Thielemann könnten wir ein Konzert ohne Proben geben, und es würde dennoch sehr gut."

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