Musik sprengt Textkorsett

20. Juli 2007, 16:44
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Geglückt: Mozarts "Il sogno di Scipione" in der Universitätsaula

Salzburg - Im Zuge des wochenfüllenden Salzburger Festspielprojekts "Mozart 22" gibt es kein Entkommen! An einem Freitagabend in der Felsenreitschule wird konzertant die kriegerische Geschichte La Betulia liberata (KV 118) geboten - und wenige Schritte hinüber in der Universitätsaula die theatralische Aktion Il sogno di Scipione (KV 126).

Es ist ein Werk des sechzehnjährigen Mozart mit manchen, ja vielen musikalischen Schön- und Besonderheiten, aber ein Stoff von bescheidener Triftigkeit, sofern man sich nicht mit allegorischen Duftmarken im konventionellen Stil des 18. Jahrhunderts zufrieden gibt.

Zur Wahl stehen Glück (Fortuna) und Beständigkeit (Costanza) - umworben sieht sich der alte, aus dem Lateinunterricht bestens bekannte Scipio. Seinen braven Traum hat der routinierte Textdichter Pietro Metastasio in die damals handels- und ortsüblichen Verse gesetzt.

Turnübung

Die Musik Mozarts folgt ihnen nicht nur nach Kräften, sondern sie lässt das verbale Hin und Her, das ganze steife Abwägen zwischen halber und totaler Bürgerlichkeit in ihren besten Momenten schier rücksichtslos hinter sich.

Die Salzburger Festspiele haben sich zur Vervollständigung ihrer Mozart-Opernbetrieblichkeit 2006 eine solide, nach Kräften auch humorige Inszenierung des Stadttheaters Klagenfurts kommen lassen. Mozarts gleichsam früher, jugendlicher Operntraum avanciert unter diesen Umständen zum spät Erträumten der Direktion.

Da möchte man nicht kleinlich sein, auch wenn - trotz einer bemerkenswert agilen, aufmerksamen Orchesterleistung - das Ende dieser philologisch-weltanschaulichen Turnübung ein wenig früher kommen könnte, als es von den Autoren seinerzeit geplant war.

Nun gut: Wir haben das Werk in Salzburg nach 37 Jahren - der Mozartwoche 1979 sei es nachträglich gedankt! - wieder einmal zur Kenntnis genommen, haben über einen jugendlichen Komponisten und dessen Uneigennützigkeit gestaunt. Und über das Kärntner Sinfonieorchester, dessen Dirigent Robin Ticciati sich dank seines geregelten Temperaments, seines Einfühlungsvermögens in die Belange selbst von "Fortuna" verlassener Darsteller für kommende Aufgaben zu empfehlen vermochte.

Nachgeschmack

Im Ensemble wirkten die beiden maßgebenden Damen - Bernarda Bobro als Fortuna, Louise Fribo als Costanza, Anna Kovalko als Licenza - mit ihren Partien nicht nur engagierter, sondern im wahrsten Sinne des opernsinnlichen Wortes glückhafter und beständiger als die Herren (Iain Paton als Publius und Robert Sellier als Emilio).

Im Fall des Titelträgers Scipione ist Nachsicht geboten, denn Blagoj Nacoski hat sich mit einer ziemlichen Unmenge an hohen und doch unbequemen Mitteilungen herumzuplagen, die auch namhafteren Operninterpreten ins Schwitzen bringen dürften.

Allerdings muss man sagen: Ein wenig schaler Nachgeschmack bleibt gegen Ende dieser ganzen Mozart-Verfügung, die nur zweimal zu hören war. Die großen, wertvollen Stücke bieten die Festspiele eigens, für den "unangenehmeren" Rest, die nicht so bekannten Werke des Meisters, müssen die Gäste, also die Salzburger Co-Produzenten herhalten. (Peter Cossé/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 8. 2006)

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    Mozarttöne in der Horizontale: Blagoj Nacoski (als Scipione) und Louise Fribo (als La Constanza).

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