Das Erdgeschoß stirbt

19. August 2006, 11:00
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Was vor einem Jahrhundert noch eine noble Zone war, verkommt zusehends zu einem Nichts - Von Gerhard Rodler

Zugegeben, eine vornehme Belle Etage war das österreichische Erdgeschoß nie. Dazu hatte das Parterre zu ebener Erde in den zurückliegenden Jahrhunderten traditionell einfach eine zu hohe Mauerfeuchtigkeit. Trotzdem war es möglich, mit dem ebenerdigen Geschoß eines städtischen Wohnhauses - ganz besonders in der Hauptstadt Wien - als Hausherr ganz prächtig zu verdienen.

Die Miete pro Quadratmeter brachte bis ins vorige Jahrhundert hinein gut das Doppelte von dem ein, was in den darüber liegenden Geschoßen erzielbar war: Der Greißler ums Eck, Damenhutgeschäft, Friseur und die Miederwarenhandlung belebten also nicht nur die Straßen, sondern wohlgemerkt auch die Mieteinnahmen der Hausbesitzer.

Von den leuchtenden Kinderaugen, die das Süßwarengeschäft nebenan zu einem fast magischen Ort machten, ist heute nichts mehr zu spüren: An ihrer Stelle befindet sich die Abfahrt zur Tiefgarage. Wo früher Anzüge und Kleider in Seidenpapier gepackt wurden, stehen heute die Müllcontainer. Mit einem Wort: Das Erdgeschoß ist bei Neubauten nahezu durchgängig zum Slum geworden. Die Straßen sterben nach und nach aus.

Irgendetwas scheint in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten schief gelaufen zu sein. Straßenzüge sind verödet, der Handel konzentriert sich auf immer weniger Standorte, Müll und Autos stinken um die Wette. Und genau hier dazwischen befindet sich der Eingang zu den Eigentumswohnungen in Luxusqualität um wohlfeile 3000 Euro pro Quadratmeter.

Bestenfalls werden Quadratmeter, für die man sonst keine Verwendung findet, als "Partyräume" und Mehrzwecksäle bezeichnet. Dass den Projektentwicklern und Architekten in der Nutzung der leer stehenden Erdgeschoßflächen die Fantasie ausgegangen ist, hat aber noch einen anderen Grund: Die Käufer der betreffenden Wohnungen scheinen sich schon längst damit abgefunden zu haben, dass gerade in den zurückliegenden heißen Wochen beim Betreten des Hauses ein süßlicher Müllduft aufquillt, weil wieder einmal die Türe zum Müllraum offen gelassen wurde.

Im neuen Wiener Stadtentwicklungsplan STEP 05 findet sich daher unter anderem ein Schwerpunkt zur besseren Nutzung der Erdgeschoßflächen. Vielleicht ist das der längst ausstehende Anstoß, endlich mehr Kreativität in das Erdgeschoß zu investieren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.8.2006)

  • Gerhard Rodler, Immobilien- Fachjournalist.

    Gerhard Rodler, Immobilien- Fachjournalist.

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