Der Fall aus dem Zweizimmerloch

19. August 2006, 16:42
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In seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" berichtet Grass von seiner Einberufung als 17-Jähriger zur Waffen-SS und von der späten Entzauberung der NS-Trugbilder

Am Anfang die Enge. Und die Flucht vor ihr. Die Zweizimmerwohnung, ein Schlafzimmer nur für Vater, Mutter, Sohn und Tochter. In der Nacht von Samstag auf Sonntag, bürgerlich mäßig, regelmäßig - Stöhnen, unbarmherzig nah an der Kinder Ohr.

Drei Gegenbilder der Enge - das erste und früheste: Ein Sandstrand der Bucht von Danzig. Dort sitzt der Knabe und kleckert "aus nassem Seesand verschieden hohe Türme und Mauern zu einer Burg, bewohnt von Figuren, die phantastischer Natur waren. Immer wieder untergrub die See den gekleckerten Bau. Was hoch getürmt stand, stürzte lautlos in sich zusammen. Und aufs neue lief mir nasser Sand durch die Finger." "Kleckerburgen".

Das zweite: farbige Klebebildchen, ihre Gutscheine waren den Zigarettenpackungen der Erwachsenen beigelegt. Kunstwerke der Malerei, eifrigst gesammelt und eingeklebt in einem roten, einem blauen, einem goldgelben Album. "So lernte ich früh die Namen der Künstler Giorgione, Mantegna, Botticelli, Ghirlandaio und Caravaggio falsch aussprechen."

Das dritte: Sommer 1940, die Helden der Wochenschau. Bewundert von 13-Jährigen im warmen Sand: "Wir lagen im Sand, sonnten uns im Familienbad, wären aber sehnlichst gerne in dem umkämpften Fjord ,hoch oben im Norden' dabei gewesen. Dort hätten wir uns mit Ruhm bekleckern mögen, so feriensatt wir nach Niveacreme rochen. Im Verlauf der immerwährenden Heldenanbetung ging es um unsere Kriegsmarine und um die Schlappe der Engländer, dann wieder um uns, von denen einige, so auch ich, hofften, in drei vier Jahren, wenn nur der Krieg lange genug dauere, zur Marine zu kommen, nach Wunsch als U-Bootmatrosen."

Zwei Jahre später wird der nunmehr 15-Jährige sich "freiwillig zum Dienst bei der U-Bootwaffe" melden. Zur U-Bootwaffe kommt er, wieder zwei Jahre später, nicht. Zuerst einmal wird er nur einberufen. Der Marschbefehl schreibt als Reiseziel Dresden vor. Sechzig Jahre danach zweifelt der Erinnernde, der die Zwiebelhäute seines Lebens schält, an den eigenen Lücken: "Nur zu behaupten und deshalb zu bezweifeln bleibt, dass mir erst hier, in der vom Krieg noch unberührten Stadt, genauer, nahe der Neustadt, und zwar im Obergeschoss einer großbürgerlichen Villa, gelegen im Ortsteil Weißer Hirsch, gewiss wurde, welcher Truppe ich anzugehören hatte. Mein nächster Marschbefehl machte deutlich, wo der Rekrut meines Namens auf einem Truppenübungsplatz der Waffen-SS zum Panzerschützen ausgebildet werden sollte: irgendwo weit weg in den böhmischen Wäldern . . ."

Und er befragt sein Gewissen: "Zu fragen ist: Erschreckte mich, was damals im Rekrutenbüro unübersehbar war, wie mir noch jetzt, nach über sechzig Jahren, das doppelte S im Augenblick der Niederschrift schrecklich ist? Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel, wie der von Demjansk, aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig. Dem Jungen, der sich als Mann sah, wird vor allem die Waffengattung wichtig gewesen sein: wenn nicht zu den U-Booten, von denen Sondermeldungen kaum noch Bericht gaben, dann als Panzerschütze in einer Division, die, wie man in der Leitstelle Weißer Hirsch wusste, neu aufgestellt werden sollte, und zwar unter dem Namen ,Jörg von Frundsberg'."

Günter Grass hat, 78-jährig, eine Autobiografie geschrieben. Nicht sein ganzes Leben will er Beim Häuten der Zwiebel aufblättern, exakt zwanzig Jahre umspannt der Zeitraum des Berichts: von Herbst 1939, dem Kriegsbeginn, bis Herbst 1959, der Veröffentlichung seines Romans Die Blechtrommel. Die zwei Pole kennzeichnen auch inhaltlich jene zwei Bereiche, um die sich die Selbstbefragung des Autors kristallisiert: die kritiklose Bewunderung der nationalsozialistischen Selbstinszenierung durch den Jugendlichen - und seine allmähliche spätere Wandlung, die Verwandlung des Erlebten in Kunst. In Literatur. In die Blechtrommel zumal.

So beschreiben die Pole auch zwei Erzählhaltungen: einerseits Zweifel und Selbstkritik - im Fortgang der Erzählung gemildert, ertragbar gemacht durch Stolz. Den Stolz auf die eigene Befreiung aus der gedanklichen wie räumlichen Enge, auf die Sprengung der kleinbürgerlichen Schale durch die sinnliche (Widerstands-)kraft der eigenen Phantasie.

Zuerst jedoch die Strenge: Keiner seiner Kritiker, die Günter Grass nun vorwerfen, "bei der Waffen-SS" gewesen zu sein, "sechzig Jahre geschwiegen zu haben", übertrifft ihn darin. Der gewesene Katholik beichtet umfassend. Und ist sich selbst der unerbittlichste Befrager. Warum jetzt? "Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte", schreibt er. "Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben will."

Grass, so vermuten die Kritiker, so deutet er an, will die Entdeckung, das Wort - "Waffen-SS" - das, kaum ausgesprochen, wie ein Balken den Blick der Öffentlichkeit auf Einzelheiten zu versperren scheint, das Wort, das Schuld noch dröhnt, wo der jugendliche Soldat nur zitternd im Granatenhagel in die Hose pisste - selbst aussprechen. Die Entdeckung nicht der Nachwelt überlassen. Aber er will weit mehr. Er beichtet Erlebnisse, die kein Biograf enthüllen könnte. "Er hieß Wirtunsowasnicht" überschreibt er ein Kapitel.

"Wir tun so was nicht", sagte regelmäßig ein blonder Junge, der mit Grass im Reichsarbeitsdienst an der Waffe ausgebildet wurde. Tag für Tag weigerte er sich, die Waffe zu berühren, ließ sie fallen. Schikanen folgten, Strafdienst, auch für die anderen Auszubildenden.

"Es wurde erwartet, dass wir ihn in die Mangel nahmen. Das taten wir. Wie er uns, so setzten wir ihn unter Druck." Schließlich verschwand der Junge. "Wir haben nicht gefragt, wohin. Ich habe nicht gefragt. Doch allen war klar: nicht aus Gründen erwiesener Untauglichkeit wurde er entlassen, vielmehr, so flüsterten wir, ,war der schon lange reif fürs KZ'." Und danach? "Auf den Punkt gebracht, sehe ich mich", den Knaben von damals, "wenn nicht froh, dann erleichtert, seitdem der Junge verschwunden war."

Eine Reaktion, die nach sechzig Jahren möglicherweise mehr quält als der Umstand, der Waffen-SS zugeteilt worden zu sein. Deren schonungslose Wiedergabe mehr Aufrichtigkeit erfordert.

Die strengen Richter, warm geborgen in der Menge der richtig Denkenden, wird sie möglicherweise nicht erreichen. Sie müssen das Buch nicht lesen, um zu wissen. Grass, der am Panzer Ausgebildete, der bis heute nicht Auto fährt - und nicht Rad, ein Umstand, der ihm im Krieg das Leben rettete -, Grass kann sich nun die Raucherbeine vertreten und endlich den unbequemen Sockel verlassen als "Gewissen der Nation". Dass der Mensch aus mehr Farben besteht als nur der weißen oder der schwarzen, wusste der Autor, der Bildhauer und Maler längst. Wieder eine Gelegenheit, das Auge für den Reichtum der Schattierungen zu schärfen.

Und ist der Balken fort, wird der Blick frei für Grass'sche Erzählkunst, die der Band in Fülle birgt: Der Kochkurs etwa, den der maßlos Hungrige im Gefangenenlager Bad Aibling belegte, von den Gefangenen selbst organisiert, von einem einstigen Chefkoch aus dem Osten geleitet - bis heute die Basis Grass'scher Gaumenkunst. "Uns, denen täglich nur ein Kellenschlag wässrige Kohl- oder Graupensuppe zustand, riet er, des Schweinebratens Fettmantel mit scharfem Messer der Länge, der Breite nach zu kerben. ,No, das gibt Krustchen kestlich!'"

Die Lehrjahre in Düsseldorf, wo der angehende Bildhauer die Akademie aus Kohlemangel verschlossen findet, aber stattdessen eine Steinmetzlehre beginnt, in der er neben der Umwidmung alter Grabsteine auch lernt, Lehmbruck-Statuen kunstgerecht zu fälschen. Allenorts: Die hohe Kunst der Illusion, die des Menschen exklusivste Wahrheit ist.
Warum, wird gefragt, hat Grass so lange geschwiegen. Hat er geschwiegen? Hat er Die Blechtrommel geschwiegen, in der er den Nationalsozialismus der Kleinbürger in der Enge schlecht durchlüfteter Wohnungen schildert? Anders gefragt: Gäbe es Die Blechtrommel, gäbe es Katz und Maus, gäbe es Hundejahre, gäbe es das Tagebuch einer Schnecke ohne die explosive Wucht der Grass'schen Scham? Sind nicht sie seine beredte Antwort? (Cornelia Niedermeier/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.8.2006)

  • Günter Grass: "Beim Häuten der Zwiebel"€ 24,70/
480 Seiten, Steidl Verlag, Göttingen 2006
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    Günter Grass:
    "Beim Häuten der Zwiebel"
    € 24,70/
    480 Seiten, Steidl Verlag, Göttingen 2006

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    "Eines unserer siegreichen U-Boote": Worte und Ansichten der Hitler’schen U-Boot-Flotte, wie sie den Jungen Günter Grass erreichten.

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