
27.08.2006 19:02
Jedem seinen Heimatfilm
Erfolgsautor Florian Illies über Schnauzer, Vogelsberger Bauern, sein neues Heimatgefühl und sein neues Buch "Ortsgespräch" - 2 Fotos
DER STANDARD: In Ihrem neuen Buch "Ortsgespräch" sind vor allem nostalgische Heimatgefühle verpackt. Sind solche Betrachtungen jetzt wieder erlaubt?
Florian Illies: Heimatgefühle waren das, was man "uncool" nennt. Und gerade in Berlin, wo ich lebe, achten sehr viele Menschen darauf, cool zu wirken. Dabei hilft es, aus den banalsten Dingen ein Geheimnis zu machen. Herkunft gehörte auch dazu. So nach dem Motto: Endlich bin ich in der großen Stadt, nun frage mich bitte nicht, woher ich komme! Gerade deshalb hat es mich gereizt, zweihundert Seiten lang den Gefühlen nachzuspüren, die man gegenüber seiner Heimat hat. Ich glaube, es ist jetzt Zeit, sich Heimat und Provinz wieder mit Neugier und mit Humor zu nähern und nicht mehr mit Schranken im Kopf. Und keine Angst: Die Kitsch-Gefahr habe ich dabei immer im Blick.
DER STANDARD: Ist die Tatsache, aus der Provinz zu kommen, etwas, das Sie als Defizit erlebt haben?
Illies: Provinz ist ja oft ein Schimpfwort, doch dieser Spott schweißt auch zusammen. Tapfer fahre ich mein "VB"-Kennzeichen, auch weil ich hoffe, dass in Berlin niemand weiß, dass das in Hessen für "Vogelsberger Bauern" steht. Aber im Ernst: Als Defizit habe ich diese Herkunft aus der Provinz nie empfunden, ich habe ja bis heute das Gefühl, irgendwie immer nur Menschen zu treffen, die aus irgendeiner Provinz kommen.
DER STANDARD: Lässt sich Provinz überhaupt definieren?
Illies: Provinz lässt sich kaum definieren - es ist ja in der Tat etwas, das jeder in sich trägt, nicht nur im Dialekt, sondern auch im Denken und im Schauen. Und es gibt eigentlich nur einen Ort, wo die Provinz weder verteufelt noch verherrlicht wird - das ist die Provinz selbst. Die Provinz ist ein bisschen wie ein scratchender "DJ": Sie hält den Lauf der Zeit an, immer wieder, lässt sie wieder laufen, stoppt, und schafft genau dadurch einen ganz eigenen, neuen Rhythmus. In Ortsgespräch geht es um diese Melodien.
DER STANDARD: Was sind tatsächlich Vorzüge der Provinz?
Illies: Der Zusammenhalt in Krisenzeiten, bei Krankheit und Tod. Die Nachbarschaftshilfe, das Füreinander-Einstehen. Auch, dass man Streitigkeiten gleich austragen muss, weil man den anderen Streithahn spätestens am nächsten Tag im Männergesangverein oder in der Kneipe wiedertreffen wird. Dass es historische Kontinuitäten gibt, bei Familien, bei Gebäuden - und zwar sowohl bei Freundschaften als auch bei Feindschaften. Dass eine größere Nähe zur Natur möglich ist, dass man spürt, ob Winter ist oder Sommer, und nicht in vollklimatisierten Büros sitzt. Und auch, dass es eine andere Geschwindigkeit gibt, eine Langsamkeit, symbolisiert durch den Traktor, der über die Landstraße tuckert. Dass man einen Schnauzer tragen kann, ohne schief angesehen zu werden.
DER STANDARD: In der Provinz schimpfen alle auf die Hauptstadt, trotzdem wollen alle dorthin.
Illies: Ich denke, dass man sich immer nach dem sehnt, was man gerade nicht hat.
DER STANDARD: Ist eine Rückkehr in die Provinz möglich?
Illies: Ich glaube nicht, dass das geht. Edgard Reitz, der große Regisseur der Heimat-Filme, hat ja den sehr wahren Satz gesagt: "Heimat ist immer etwas Verlorenes." Das sollte einen natürlich nicht daran hindern, danach zu suchen. Denn nur wenn man sucht, kann man Erinnerungen finden, Gerüche, Namen aus der Vergangenheit, die dann im Kopf eines jeden einen ganz eigenen Heimatfilm ablaufen lassen. Aber ich glaube, nur in Gedanken ist diese Rückkehr wirklich möglich.
DER STANDARD: "Ortsgespräch" ist eindeutig eine Liebeserklärung an die Provinz. Unliebsame Eigenschaften wie Enge oder Engstirnigkeit kommen nur am Rande vor und werden anekdotisch vom Tisch gewischt.
Illies: Es hätte mich gelangweilt, ein Buch darüber zu schreiben, wie einengend die Provinz ist, das ist ja, sagen wir einmal: stadtbekannt. Doch dass das Land auch seine eigene Faszination hat, das zu beschreiben, hat mich gereizt. Heimat ist ein Ort, gegen den wir uns oft wehren wollen - aber nicht wehren können. Ich finde in der Heimat auch vieles anstrengend und bedrückend, aber alles zusammen ist ein Teil meines Lebens. Es ist der einzige Ort der Welt, den ich am Geruch erkenne, sobald ich die Haustür geöffnet habe, und an unverwechselbaren Geräuschen und Bildern: das Lachen, das aus dem Freibad herüberdringt, das Wasser aus dem Gartenschlauch, das in die Gießkannen knattert. Solche Erinnerungen werden immer in mir sein.
DER STANDARD: In Ihrem Buch beschreibt Georg Simmel die "Kleinstadt als Ort der totalen Beaufsichtigung". Können Sie das nachempfinden?
Illies: Aber natürlich gibt es diese totale Beaufsichtigung. Wenn die Nachbarn aus dem Altenwohnheim anrufen, weil man einen Anti-Atomkraft-Aufkleber auf dem Auto hat, ist das anstrengend. Aber es sind dann dieselben Nachbarn, die die Polizei rufen, wenn sie einen Einbrecher sehen. Es ist also alles nicht so ganz leicht. Aber wer die Enge nie erlebt hat, der muss auch die Weite nicht suchen.
DER STANDARD: Stichwort: Eingeengtheit. Im letzten Kapitel beschreiben Sie das Elternhaus als Museum, in das Sie zurückkehren. Überträgt man dieses Bild auch auf Menschen, heißt das, die Stadt verändert den Menschen stärker als die Provinz.
Illies: Wenn man selbst weiterrast, bleibt die Heimat, die Provinz manchmal stehen - oder man hat zumindest dieses Gefühl. Rollkoffer, Zeitverträge, totale Mobilität. Dafür steht die Stadt. Durch diesen Mobilitätswahn und die immer schneller ablaufende Zeit werden Orte, also letztlich der Raum, relativ. Du kannst überall deine E-Mails lesen, du kommst mit dem Billigflieger an Orte, die du gar nicht kanntest. Genau in diesem Moment gibt es eine Rückkehr der Sehnsucht nach einem Raum, an dem Menschen verwurzelt sind. Die Provinz prägt einen Menschen, so wie es die Stadt auch tut - ich befürchte nur, man merkt selbst nie, wenn es so weit ist.
DER STANDARD: Es ist viel von Fortschrittsunwillen und Technikfeindlichkeit die Rede. Ist es nicht genau umgekehrt, dass die Leute auf dem Land viel Hightech-affiner sind und zum hochgerüsteten Rasenmäher tendieren?
Illies: Ja, aber die besitzen sie dann auch für ein paar Jahrzehnte. Technische Geräte haben auf dem Land eine größere Bedeutung. Ich glaube, es ist immer auch das Gefühl, ein Gerät wie eine Beute aus der großen Welt in die eigene Höhle hineingetragen zu haben. So gibt es natürlich immer diese Ungleichzeitigkeit im Gleichzeitigen. Ich lese soziologische Literatur, bevor ich ein Buch schreibe. Aber dann ist meine größte Arbeit, sie während des Schreibens verschwinden zu lassen - in der Hoffnung, dass sie sich hineingesogen hat in die Gedanken, in die Erzählung, in das, was ich schreibe. Ich will auf meine Art, also auch mit Humor, erzählen, was Soziologen auf ihre Art erzählen. Zum Beispiel habe ich ein beeindruckendes Buch von einem jungen Soziologen aus Jena gelesen, Hartmut Rosa. Es heißt Beschleunigung. Beschleunigung ist eines der zentralen Themen meines Buches, eine Art Grundmelodie: Erst die Sehnsucht nach Beschleunigung, die einen raus aus der Provinz treibt, und dann später die Sehnsucht nach Entschleunigung, die einen wieder zurücktreibt - im Kopf, und im wirklichen Leben.
DER STANDARD: Geht es mit der Provinz jetzt eher bergauf oder bergab?
Illies: Das Tolle an der Provinz ist: Mit ihr geht es nie bergab und nie bergauf. Sie ist einfach immer da. Und sie ist einfach immer der größte Teil des Landes. Fast ganz Österreich ist - wenn man von oben schaut - Provinz. Genauso in Deutschland. Das Einzige, was sich ändert, ist das Verhältnis zu ihr. Und genau darüber schreibe ich in Ortsgespräch.
DER STANDARD: Also hat die Provinz eine unglaubliche Macht. Spielt sie die überhaupt aus?
Illies: Die spielt sie schon aus - sehr subtil eben. Zeigt sie nicht ihre Macht gerade dadurch, dass alle, die es bis in die große Stadt geschafft haben und nun in Wien oder Berlin leben, besonders darauf bedacht sind, dass nicht herauskommt, aus welchem Kaff sie eigentlich kommen? (Mia Eidlhuber/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.8.2006)