Guter Riecher fürs Geschäft

19. August 2006, 17:00
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Mit Erfindergeist, Fachwissen und guten Spürnasen wurde Givaudan zum Marktführer bei künstlichen Aromen und Riechstoffen - Reportage

Klaus Bonanomi steckte seine Nase in das Unternehmen und fand heraus, warum ein Erdbeerjogurt nach Erdbeere schmeckt.

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Dübendorf - Eigentlich müsste diese Reportagereise in den Urwald Amazoniens führen, wo die Schnüffler und Sammler von Givaudan auf ihren so genannten "Scent Treks" nach neuen, unbekannten Düften und Aromen suchen und dabei auf Pflanzen wie "Piprioca" oder "Açai" stoßen, aus denen dann neue Parfums und Badelotionen, Softdrinks oder Speiseeis-Sorten kreiert werden.

Doch muss für diesmal eine Fahrt ins Industriegebiet von Dübendorf in der Nähe von Zürich reichen: Hier, an der vierspurigen Überlandstraße, in den Forschungslabors und Produktionshallen von Givaudan, dem Weltmarktführer im Geschäft mit "Flavours and Fragrances", werden die Düfte und Aromen zusammengemixt, die mittlerweile nicht mehr wegzudenken sind aus den Konsumgütern unserer Zeit: vom Fruchtjogurt bis zur Fertigmahlzeit, von der Zahnpasta bis zum Luxusparfum, vom Energy-Drink bis zum Duschgel.

"Bananen-Kopie"

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der Schweizer Aromatiker Thomas Hefti in den Labors von Givaudan. Seine Aufgabe ist auf den ersten Blick weniger spektakulär als die seiner amazonasreisenden Kollegen: "Ein Bananenjogurt soll nach Banane riechen und schmecken. Es geht also darum, im Labor das natürliche Aroma einer Banane zu analysieren und so gut wie möglich nachzuahmen."

Dies im Gegensatz zum Parfumeur, der mit viel Fantasie neue, noch nie da gewesene Düfte kreiere, unterstreicht Hefti. Dass ein völlig neues, "unnatürliches" Aroma beim Publikum Erfolg habe, wie etwa Coca-Cola oder Red Bull, sei die Ausnahme, nicht die Regel.

Geschmacksfrage

Doch weil Geruchs- und Geschmackssinn nun einmal eng zusammenhängen, spielt auch bei der Herstellung von Aromen der Geruch eine wichtige Rolle. "Wenn Sie erkältet sind, dann schmecken die Speisen bloß salzig oder bitter, sauer oder süß. Die weiteren Nuancen entgehen Ihnen, weil Sie diese eben auch mit dem Geruchssinn wahrnehmen", erläutert der Aromatiker. "Mehr als 200 Komponenten bilden das natürliche Bananen-Aroma. Unseres mischen wir aus bloß neun Rohstoffen zusammen", erklärt Hefti.

Und doch kommt das "naturidentische" Givaudan-Bananen-Aroma dem natürlichen Aroma verblüffend nahe, wie die Probe mit dem Riechstreifen zeigt. Es lässt sich beliebig variieren: Wird zum Beispiel etwas mehr Eugenol beigemischt, also Nelkenöl, dann entsteht ein "reiferer" Eindruck; mehr Cis-3-Hexenol dagegen sorgt für mehr "grüne Frische", mit Phenyl-Ethyl-Alkohol erreicht man eine "blumigere Note".

Geht es also letztlich bloß darum, uns Verbrauchern den sauren Apfel und die bittere Pille zu versüßen? Nein, meint Hefti: Aromatisiert würden allenfalls spezielle Medikamente für Kinder; und überhaupt: "Auch wir können nicht alles. Wenn ein Apfel grün und unreif aussieht, dann wird er nicht gekauft, auch wenn er gut duftet und schmeckt. Der Verbraucher lässt sich nicht so leicht täuschen."

Da die Geschmäcker weltweit verschieden sind, hat Givaudan allein 300 verschiedene Erdbeeraromen auf Lager, jede Rezeptur zusammen mit dem Kunden auf seine jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt.

Unternehmenssprecher Werner Morf nennt zwei Beispiele: "In den tropischen Ländern sind stärkere Aromen für die Getränke gefragt, da man dort die Getränke meist gekühlt trinkt. Und je näher beim Äquator, desto weniger salzig sollen die Speisen sein - dafür enthalten sie umso mehr Pfeffer und andere würzige Aromen."

Lebensmitteltrends

Wer die Kunden der Givaudan-Aromasparte sind, gibt das Unternehmen nicht bekannt; einer der wichtigsten Abnehmer dürfte aber der Schweizer Lebensmittel- und Konsumgüter-Multi Nestlé sein, der mit elf Prozent größter Aktionär bei Givaudan ist.

Seit fünf Jahren ist Givaudan ein börsenotiertes, selbstständiges Unternehmen; zuvor war es eine Tochtergesellschaft des Schweizer Roche-Konzerns.

Das Geschäft laufe gut, meint Morf; unter anderem auch deshalb, weil die Verbraucher weltweit immer mehr Fertigmahlzeiten kauften und der Trend hin zu Functional Food (Lebensmittel mit Zusatznutzen, z. B. Fitness-Drinks, Energieriegel oder Diätprodukte) und Ethnic Food (Mahlzeiten aus fremdländischen Küchen, etwa thailändisch oder mexikanisch) gehe.

Letzte Instanz Mensch

Was im Labor ausgetüftelt worden ist, wird anschließend in den Produktionshallen im großen Maßstab hergestellt und für den Versand an die weltweite Kundschaft bereit gestellt.

In großen Tanks und Behältern lagern 2500 Rohstoffe: Natürliche Pflanzenöle, Extrakte aus Kakaobohnen, Zimtstangen, Vanilleschoten oder exotischen Früchten, aber auch allerhand synthetische Stoffe, Lösungsmittel und Alkohole.

Eine computergesteuerte Abfüllanlage zapft aus Pipelines automatisch die richtigen Mengen der jeweiligen Rohstoffe ab und lässt sie in Kübel fließen; lärmige Sprühtrocknungs-Maschinen erzeugen Pulvermischungen, die in Säcke abgefüllt und gestapelt werden.

3000 verschiedene Produkte können hier an einem einzigen Tag hergestellt werden, von rund 120.000 Produkten sind inzwischen auch Proben vorhanden.

In der Qualitätskontrolle hat der Mensch immer das letzte Wort, wird beteuert: Ein Degustateur trinkt von jeder Produktion einen Schluck und dann noch einen Schluck von der Original-Rezeptur. Fällt ihm ein Unterschied auf, dann stimmt etwas nicht. Denn, so erklärt Unternehmenssprecher Morf, "die menschlichen Sinne sind hundert Mal empfindlicher als die besten Analysegeräte".

Alles hat seine Grenzen

Alles können auch die besten Aromatiker und die ausgefeiltesten Forschungs- und Produktionsmethoden nicht synthetisieren.

So ist der Kaffee, den der Givaudan-Sprecher dem Reporter noch anbietet, kein Kunstprodukt des Hauses, sondern wird aus gerösteten und frisch gemahlenen Bohnen aufbereitet. Lächelnd meint Werner Morf: "Kaffee und Wein - da stoßen auch wir an unsere Grenzen!" (Klaus Bonanomi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.8.2006)

  • Jede Rezeptur wird zusammen mit den Kunden auf dessen Bedürfnisse abgestimmt.
    foto: givaudan

    Jede Rezeptur wird zusammen mit den Kunden auf dessen Bedürfnisse abgestimmt.

  • Der "Gang der Düfte": vom Amazonas ins Labor, wo sie von sensiblen Nasen geprüft werden.
    foto: givaudan

    Der "Gang der Düfte": vom Amazonas ins Labor, wo sie von sensiblen Nasen geprüft werden.

  • "Dufte" Kunden
Die Schweizer Firma Givaudan mit Sitz in Genf und Dübendorf bei Zürich ist mit einem Marktanteil von 18 Prozent Weltmarktführer bei den künstlichen Aromen und Riechstoffen.
Im vergangenen Jahr erzielte Givaudan mit seinen 6000 Angestellten einen Umsatz von 2,8 Milliarden Franken (ca. 1,8 Mrd. Euro) und einen Reingewinn von rund 530 Millionen Franken.
Damit wuchs das Unternehmen stärker als der Gesamtmarkt. Im ersten Halbjahr 2006 wurden Umsatz (plus acht Prozent) und Gewinn (plus elf Prozent) erneut deutlich gesteigert. Das Schweizer Unternehmen zählt viele der führenden Hersteller von Luxusparfum zu ihren Kunden: Elizabeth Arden, Gucci, Yves Rocher oder Estée Lauder. (kbo)
    foto: givaudan

    "Dufte" Kunden
    Die Schweizer Firma Givaudan mit Sitz in Genf und Dübendorf bei Zürich ist mit einem Marktanteil von 18 Prozent Weltmarktführer bei den künstlichen Aromen und Riechstoffen.
    Im vergangenen Jahr erzielte Givaudan mit seinen 6000 Angestellten einen Umsatz von 2,8 Milliarden Franken (ca. 1,8 Mrd. Euro) und einen Reingewinn von rund 530 Millionen Franken.
    Damit wuchs das Unternehmen stärker als der Gesamtmarkt. Im ersten Halbjahr 2006 wurden Umsatz (plus acht Prozent) und Gewinn (plus elf Prozent) erneut deutlich gesteigert. Das Schweizer Unternehmen zählt viele der führenden Hersteller von Luxusparfum zu ihren Kunden: Elizabeth Arden, Gucci, Yves Rocher oder Estée Lauder. (kbo)

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