Frei sein ab Freising

21. August 2006, 16:56
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Nach München verwöhnt der Isarradweg flussabwärts zunehmend mit Aulandschaften

Den Donauradweg kennst du längst, die Steiermark ist dir zu hügelig, Pannonien zu flach und die Toskana zu weit weg? Eine Alternative könnte der Isarradweg sein, von Scharnitz/Tirol bis Thundorf immerhin 288,5 ruhige und beschauliche Kilometer meist durch Wiesen und Auwälder und in drei Tagen gut zu schaffen. Wer die Tour in München beginnt, nimmt das Rad im Zug mit (Ticket Wien-München mit Rad ca. 90 ¬) und spart sich schon die ersten 120 Isarkilometer, die meist auf Bundesstraßen verlaufen.

Bis Thundorf sind es 180 Kilometer, der Radweg ist meist nicht asphaltiert, ich werde zwei Tage brauchen. Erste Station ist Landshut. Niederbayerns Zentrum ist 85 km weit weg, liegt geradezu ideal - los geht's. Vorbei am Tierpark Hellabrunn, dem Flaucher, an dem die Münchner sommers so grillen, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sieht, vorbei am Deutschen Museum, am Friedensengel und hinein in den Englischen Garten mit Monopteros und Chinesischem Turm. Allmählich geht dieser Park in Auwald über. Nahe dem Hallbergmoos röhrt Fluglärm durchs Blätterdach: Hier ist der Münchner Franz-Joseph-Strauß-Flughafen nicht fern. Zu dem man ironischerweise gerne anmerkt, er sei nach einem Laufvogel benannt.

Zwischen den Domen

Weiter geht's auf schlammigem Waldweg in der Savoyer Au in drei Stunden nach Freising. Für die erste Rast bietet sich der schlichte romanische Dom an, der jedenfalls einen Besuch wert ist. 41 Kilometer sind geschafft.

Ab Marzling dominiert wieder der Auwald. Die Idylle wird nur in den Fahrtpausen gestört: Gierige Gelsenschwärme stürzen sich auf ihr Opfer, und ohne die gepolsterte Radhose wäre es jetzt schon kein Vergnügen mehr. In Oberhummel ist die Wegführung unklar und erfordert Aufmerksamkeit, während im Vogelherd bei Moosburg der Weg so tief gekiest ist, dass es mit Gepäck schon mühsam wird. Der Umweg über die Straße bringt aber starke Steigungen und ist daher kaum zu empfehlen.

Ab Moosburg, wo die spätgotische Abtei zum hl. Kastulus mit Hochaltar zu sehen ist, fährt man in verschlungenen Wegen an einer Reihe von Staustufen und Ausgleichsbecken für die Stromversorgung vorbei. In den sehr aufgeräumten Siedlungen dominieren kurz geschorener Rasen, Jägerzäune, Briefkästen wie Hochzeitstorten, Planschbecken, Blautannen und farbenfrohe Sicherheitshaustüren. Gartenzwerge suche ich vergebens - vielleicht sind sie den Leuten zu verspielt. Man muss aufpassen, um die gut versteckten Wegweiser zu finden. Nach Viecht führt die Route mit etwas Abstand parallel zur stark befahrenen Bundesstraße B11 die letzten acht Kilometer nach Landshut hinein.

Der schlanke Glockenturm des Doms und die Burg Trausnitz hoch am Berg sind Wahrzeichen der Stadt. Alle drei Jahre feiert man die "Landshuter Hochzeit" in Erinnerung an die Trauung von Georg, Sohn des Fürsten Ludwig des Reichen, mit Jadwiga, Tochter des Polen Kasimir IV. anno 1475. 2008 ist es wieder so weit. Die sehenswerte Altstadt wird zum Schauplatz verschiedener Veranstaltungen mit mittelalterlich kostümierten Darstellern - neben zehntausenden Gästen aus aller Welt. Obwohl die Saison noch gar nicht begonnen hat, finde ich erst beim dritten Versuch ein Zimmer. Es kostet 40 ¬ und liegt sehr "verkehrsgünstig", immerhin ist das Rad in der Garage gut gesichert.

Wild- und Kühlwasser

Am nächsten Tag geht es kurz nach acht Uhr los. Die Isar verwandelt sich in eine Reihe größerer Stauseen, von denen einer Kühlwasser für das AKW Niederaichbach liefert. Dieser Kulisse zum Trotz bieten sich gerade hier leisen Radlern ständig Wildsichtungen: Neben Rehen und Hasen leben hier Spechte, Eichelhäher, Fasane, Wildgänse, Schlangen und jede Menge farbenprächtiger Libellen und Amphibien. Vor dem Ort Niederaichbach geht es wenige Kilometer auf befahrener Straße weiter. Zwischen Dingolfing und Landau ändert sich das Bild. Die Isar verläuft hier wie mit dem Lineal gezogen, ich befahre eine gepflegte Promenade unter Alleebäumen.

Ein paar Kilometer vor Landau steht der "wachsende Felsen von Usterling". Quellwasser lässt hier einen gewaltigen Felskamm aus Quellkalk wachsen. Das Wasser soll angeblich heiltätig sein - den Durst stillt es allemal. Im Unterlauf fließt die Isar langsam, und viele Angler sitzen am Ufer. Der so genannte Gäuboden bildet nunmehr den Abschluss des Isarlaufs. An der Kleinstadt Plattling vorbei führt der Isarradweg hinein in ein urtümliches Auwaldgebiet um Isarmünd. War ich bisher meist alleine unterwegs, beherrschen nun viele Genussradler die Szene. In Thundorf erwartet mich ein schattiger Biergarten, schon direkt an der Donau gelegen, und die Gewissheit: Wenn ich nach 198 Kilometern hier noch gemütlich sitzen kann, wird es so schlimm nicht gewesen sein.

Auf die sanfte Tour

Der Isarradweg ist nichts für schmale Reifen. Ungeübte sollten sich nicht mehr als 90 bis 100 km am Tag zumuten: Nicht die Beine streiken, sondern das Sitzfleisch! Vorsicht bei Schlammkuhlen, hängenden Ästen und Schlaglöchern, defensiv fahren. In der Hochsaison müssen Übernachtungen rechtzeitig, möglichst vor Reiseantritt, reserviert werden. In Nebenzeiten reicht es, mittags für abends zu reservieren. Genaue Streckeninformationen, Umleitungen, Steigungen und Adressen und Telefonnummern von Hotels, Zimmervermietern und Campingplätzen sind im "bikeline Radtourenbuch Isarradweg" (Verlag Esterbauer) oder in den Büchern des Galli-Verlags zu finden. Die Führer sind im Lenkertaschenformat und im praktischen Maßstab 1:50000 oder 1:75000 konzipiert, und die Strecke ist in Tagesetappen portioniert. (Tancredi de Polzer, Der Standard, Printausgabe 19./20.8.2006)

  • Artikelbild
    www.isarradweg.de
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